Auszüge aus der 13. Ausgabe

Eltern von ältere Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen fragen sich:

Lohnt sich die gf/kf Diät in jedem Alter?

Vorwort:

Ging es Ihnen genau so? Da liest man die Geschichte der Karen Seroussi oder auch andere zahlreiche Berichte der Eltern aus dem ANDI, wie deren Kinder durch die Diät so toll sich entwickelt haben und man wünscht sich nichts mehr auf der Welt, als dass bei seinem eigenen Kind auch eines Tages solch ein Wunder geschehen mag.

Doch dann folgt die Ernüchterung. Erstens gibt es keine Alternativen zur Diät. Zweitens begreift man sehr schnell, dass eine gluten- und kaseinfreie Diät eine große Anstrengung seitens des Elternhauses erfordert, weil das Kind keine Diätfehler mehr machen sollte. Und dann stellt man fest, dass ein eigenes Kind eben nicht mehr zu den ganz jungen Kindern mit Autismus zählt und man deshalb Geduld aufbringen müsste. Wenn man sich dann noch überlegt, dass es Jahre dauern könnte, bis man etwas merkt und sich dabei noch überlegt, wie viele Diätfehler in dieser Zeit passieren könnten, dann sind das keine rosigen Aussichten.

Da in Deutschland viele Kinder, ehe sie überhaupt einmal als autistisch diagnostiziert sind, bereits älter sind als der Miles Seroussi, als dieser die Diätmaßnahme begonnen hat, ist es nicht verwunderlich, dass sich die gf/kf Diät bei uns noch nicht durchgesetzt hat. Zwar wächst die Zahl derer ständig, die die Diät ausprobiert und damit Fortschritte bei ihrem Kind gesehen haben, aber noch scheuen sich immer noch sehr viele Eltern vor dieser Anstrengung, weil sie sich zurecht die Frage der Verhältnismäßigkeit stellen.

Aus diesem Grunde beschäftigt sich die Redaktion schon seit einiger Zeit mit der Frage, warum bei den "Älteren" die Erfolge auf sich so sehr warten und welche Maßnahmen vielleicht hilfreich wären, um diesen Prozess zu beschleunigen. Die Frage der Verhältnismäßigkeit muss sich jedes Elternpaar selbst beantworten, doch soll dieser Aufsatz dazu dienen, Ihnen bei der Suche der Antwort ein Stück weit behilflich zu sein.

Diät allein ist vielleicht zu wenig!

Wir kommen der Antwort ein Stück weit näher, wenn wir uns gedanklich von dem Schema "Eine Behinderung - eine Ursache - eine Therapie!" gelöst haben. Dieses Schema gilt wahrscheinlich noch bei den relativ jungen Kindern, wo zunächst eine dominierende Störung im Vordergrund steht, deren Beseitigung die Lösung des Problems herbeiführen kann. Je älter jedoch der autistisch Behinderte wird, desto mehr hat er es vermutlich mit einer Reihe von Störungen zu tun.

Ein schöner Vergleich dazu ist ein Billard-Spiel: Dort löst eine angestoßene Kugel eine Kettenreaktion aus, die andere Kugeln in eine andere Position bringt. Nimmt man beim Billard-Spiel dann die angestoßene Kugel zurück auf ihren alten Platz, dann stehen die anderen Kugeln immer noch falsch. Mit ein bisschen Phantasie und einer guten Beobachtungsgabe kann man jedoch gleich nach dem Anstoß den Standort der anderen Kugeln wieder rekonstruieren und damit für den Zustand vor dem Spiel sorgen. Nach drei oder vier weiteren Stößen gelingt dies jedoch nur noch Menschen mit einem fotographischen Gedächtnis.

Nach alledem, was wir theoretisch als auch an Erfahrungsberichten über diese "Nahrungs-Opioide" gehört haben, ist es sehr wahrscheinlich, dass diese einmal eine der ersten Reaktionen bei unserem Kind ausgelöst haben. Da unser Kind jedoch schon älter ist, wurde mit der Zeit daraus eine Kettenreaktion, weshalb es nicht mehr allein ausreicht, nur einen einzigen Zustand zu verändern und auf ein Wunder zu warten.

Wenn wir unserem Kind also helfen wollen, dann müssen wir einmal den Verursacher der Kettenreaktion dauerhaft beseitigen und daneben andere Auswirkungen so gut als möglich rückgängig machen. Unser Ratschlag Nummer eins lautet deshalb:

Lassen Sie Ihr Kind eingehend auf die beim Autismus typischen (biomedizinischen) Störungen hin untersuchen und leiten Sie ggf. entsprechende Maßnahmen ein. Ganz wichtig sind Untersuchungen auf pathogene Mikroben im Darmbereich und auf eventuelle Schwermetallbelastungen.

Neben dem "Nahrungs-Opioid-Problem" sind diese soeben genannten Störungen die hauptsächlichen Verursacher vieler anderer (nachfolgender) Stoffwechselstörungen wie zum Beispiel einer mangelhaften Verwertung von Nährstoffen (Vitamine, Spurenelemente,  Aminosäuren, etc.). Bitte beachten Sie, dass diese Folgestörungen, die oftmals leichter erkannt werden, in den meisten Fällen auf eine dieser "Hauptstörungen" hinweisen. Kindern mit Autismus zum Beispiel, die auf bestimmte Nährstoffpräparate wie zum Beispiel das Super Nu Thera oder Vitamin B6 mit Magnesium positiv reagieren, haben mit großer Wahrscheinlichkeit eine oder mehrere dieser Hauptstörungen.

Wir raten nicht ohne Grund eindringlich dazu, einen Arzt aufzusuchen, der sich mit dieser Materie eingehend beschäftigt hat. Seien es Untersuchungen auf Candida, Schwermetalle oder auch auf dieses "Nahrungs-Opioid-Problem", wo Untersuchungen auch möglich sind, so hören wir oft von Eltern, dass die Untersuchungen negativ verlaufen seien. Hilfesuchende Eltern sind umso mehr ratlos. Diejenigen, die vorher sowieso sehr skeptisch gewesen waren, fühlen sich in ihrer Ansicht dadurch bestätigt. Nur dem Kind ist nach wie vor nicht geholfen, indem durch sorglose Alibi-Untersuchungen, wie wir das z.B. beim Candida albicans sehr häufig beobachten können, falsche Negativbefunde erstellt werden.

Falsche Negativbefunde sind keine klassischen Fehldiagnosen, aber doch falsche Befunde. Beim der Untersuchung auf Candida albicans haben wir schon wiederholt darauf hingewiesen, dass eine negative Stuhlprobe noch nicht bedeuten muss, dass das Kind kein Candida-Problem hat. Näheres entnehmen Sie bitte unseren vorherigen Ausgaben. Oder wir haben auch schon Fälle gehabt, wo Eltern die erst begonnene Diät trotz der ersten Fortschritte wieder abgebrochen haben, weil die Untersuchungen ergäben hätten, dass ihr Kind keine Diät bräuchte.

Beim Nachfragen jedoch stellte sich dann jedoch heraus, dass gar keine Untersuchung bzgl. dieses "Nahrungs-Opioid-Problem" durchgeführt worden ist. Dabei wurde nämlich wie so oft der Fehler gemacht, dass die autistisch behinderten Patienten dahingehend untersucht wurden, ob eine Milch- oder Weizenallergie vorliegt. Diese kann ergänzend dazu kommen, aber bei dem Phänomen der Getreide- und Milchunverträglichkeit beim Autismus (= "Nahrungs-Opioid-Problem") handelt es sich in erster Linie nicht um ein klassisches Allergieproblem.

Es ist insbesondere für uns Eltern wichtig, diesen Unterschied zu kennen, weil ansonsten "falsche" Diagnosen (nicht Fehldiagnosen!) nahezu vorprogrammiert sind.

Oft berichten uns Eltern, dass sie nach ein paar Wochen Diät beim Kinderarzt einen Allergietest durchführen ließen. Der sei negativ gewesen, ergo sei die Diät nicht notwendig. Dies ist keine Fehldiagnose, sondern eine klassische falsche Diagnose. Bedingt durch die Diät gab es selbstverständlich keine allergische Reaktion mehr auf Milch oder Weizen. Aus diesem Grunde machen Allergietests in diesem Falle auch keinen Sinn, wenn Eltern nach einer gewissen Zeit der Diät feststellen lassen wollen, ob die "Allergie zwischenzeitlich geheilt" worden ist. Ungeachtet dessen war das "Nahrungs-Opioid-Problem" die ganze Zeit über vorhanden.

Wenn Eltern bzgl. der Ergebnisse der Untersuchungen (Mikroben und Schwermetalle) sicher gehen wollen, dann empfehlen wir nach wie vor das Labor von Dr. William Shaw aus den USA, The Great Plains Laboratory (InterNet: http://www.greatplainslaboratory.com/german/ home.htm) bzw. nehmen Sie mit der deutschsprachigen Mitarbeiterin des GPL, Frau Paiva Kontakt auf (Tel.: 001-913-341-6207 oder eMail: dpaiva@GPL4U.com). GPL hat im Übrigen auch ein Testverfahren entwickelt, welches Aufschluss darüber gibt, ob bzw. wie stark Ihr Kind ein "Nahrungs-Opioid-Problem" hat.

Anmerkung:

Frau Paiva arbeitet nach unseren Erkenntnissen nicht mehr beim GPL. Ob ein deutschsprachiger Ersatz vorhanden ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir empfehlen zwischenzeitlich Eltern aus Deutschland, sich mit Herrn Dr. med. Faraji aus Wetzlar in Verbindung zu setzen.

Redaktion WIR ELTERN ONLINE, Dezember 2004

Fassen wir deshalb nochmals zusammen:

Der erste Grund, warum ein älteres Kind trotz gf/kf Diät nur sehr zögerlich erste Verbesserungen zeigt, könnte der sein, dass sich daneben noch andere schwere Störungen (Pathogene Mikroben, Schwermetalle) etabliert haben. Wenngleich die Therapie dieser Störungen notwendig ist, so macht eine gf/kf Diät schon vom ersten Tag an Sinn, weil damit eine der Hauptursachen des Autismus beseitigt wird.

Empfindlichkeit der Rezeptoren

Ein weiterer möglicher Grund für die späten Fortschritte der älteren Kinder könnte der sein, dass bei den jüngeren Kindern die im Körper vorhandenen Morphin-Spiegel eben noch niedriger und damit schneller und zuverlässiger aufgebraucht waren. Dann müssten die "Nahrungs-Opioide" irgendwo im Körper gespeichert werden, möglicherweise im Fettgewebe.

Reichelt und Shattock berichteten nämlich darüber, dass Urin-Untersuchungen ergäben hätten, dass das Kasein-Problem nach einigen Tagen Diät nicht mehr messbar gewesen sei, wo hingegen sich der Anteil der Gluten-Morphine selbst nach 5 Monaten Diät nur um ein Viertel verringert habe. Weiterhin berichtete Reichelt von einem Fall, wo die bemerkenswerten Verbesserungen sich erst nach zwei Jahren rigoroser Diät zeigten.

Eine sichere Aussage dahingehend ist sehr schwierig, denn uns liegen keine Daten vor, wie alt die untersuchten Kinder gewesen sind und welche anderen Therapiemaßnahmen (siehe Aspekt No. 1) gleichzeitig durchgeführt wurden. Trotzdem bedeuten solche Daten für uns Eltern, wenn unsere Kinder schon älter sind, zunächst einen Schock. Doch beruhigen Sie sich: Es gibt nach wie vor Grund zur Hoffnung:

Immer wieder wird erwähnt, dass wenn eine gf/kf Diät begonnen und durchgeführt wird, dass diese dann auch konsequent und strikt eingehalten werden sollte, denn kleinste Diätfehler könnten unter Umständen ernsthafte Verhaltensverschlechterungen beim Kind hervorrufen, die mitunter mehrere Wochen lang andauern könnten.

Diese Aussage soll Sie nicht noch mehr beunruhigen, denn gerade hier liegt ein Hoffnungsschimmer, dass für unsere älteren Kinder doch noch nicht alles zu spät ist. Diätfehler können passieren, das ist keine Frage. Das kann vorkommen, indem Sie aus Unwissenheit beim Kochen ein glutenhaltiges Produkt verwenden. Oder es kann bei Bekannten, Verwandten oder in der Schule passieren, wo ihr Kind etwas "Verbotenes" erwischt. Nach Beginn der Diät kann sich bei einigen Kindern sogar eine regelrechte Sucht nach gluten- oder kaseinhaltigen Produkten einstellen und das Kind nützt jede sich bietende Gelegenheit, seine Sucht zu befriedigen.

Der Redaktion ist ein autistisch behinderter Jugendlicher bekannt, der selbst nach zwei Jahren Diät sein Suchtverhalten noch nicht verloren hat, jedoch nach einem Diätfehler fast

klassisch wie ein richtiger Junkie reagiert: Er wird zunächst regelrecht "high", sodass er nur noch lacht und für Andere kaum zugänglich ist. Wenn diese Phase vorüber ist, folgt meistes eine Phase tiefer Depression, bevor der Spuk wieder zu Ende ist.

Der Unterschied zwischen unserem jungen Mann und einem Drogenkonsumenten besteht Gott sei Dank darin, dass die verschiedenen Phasen wesentlich kürzer sind als beim Konsum von Drogen. Allerdings bleiben Nebenwirkungen wie Veränderungen im Schlafverhalten und nervöse Unruhe nach einem Diätfehler über einen relativ längeren Zeitraum erhalten.

Wenn Sie dieses oder ein ähnliches Phänomen beobachten können, dass ihr Kind nach einem Diätfehler plötzlich ganz anders reagiert, dann ist dies zwar sehr bedauerlich und sollte zukünftig so gut als möglich vermieden werden, aber es ist auch ein gutes Zeichen dafür, dass Sie auf dem richtigen Weg sind.

Um zu erklären, warum dies so ist, müssen wir nochmals ein Vergleich mit Drogen (Morphium, Heroin, Kokain, etc.) heran ziehen, wo die Zusammenhänge schon viel gründlicher erforscht sind: Durch eine ständige Anwendung, sei es medizinisch (Morphium) oder als Missbrauchsdroge (Heroin, Kokain), werden die Rezeptoren anscheinend unempfindlicher gegenüber der Droge und die Zufuhr muss gesteigert werden, um den Effekt zu erhalten. Auch wenn die Entwöhnung wesentlich länger dauert als die Suchtbildung, so funktioniert dieser Effekt offensichtlich auch rückwärts: Die Rezeptoren werden während des Entzugs wieder empfindlicher.

Wenn also das Kind auf einen kleinen Diätfehler ziemlich stark reagiert, dann hat sich in Bezug auf Empfindlichkeit der Rezeptoren etwas getan, was ein gutes Zeichen dafür ist, dass ihr Kind schon deutlich auf "Entzug" ist.

Starke Reaktionen auf Diätfehler sind also ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die Diät ihren Zweck erfüllt und die "Nahrungs-Opioid"-Speicher im Körper kontinuierlich reduziert werden. Dass parallel dazu die gewünschten Verhaltensverbesserungen bei älteren Kindern nicht gleich sichtbar werden, liegt vermutlich daran, dass sich gleichzeitig die Empfindlichkeit der Rezeptoren wieder erhöht.

Dadurch genügen schon kleinere Mengen an Opioiden, die vermutlich noch im Körper gespeichert sind und nach und nach abgegeben werden, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Wichtig für uns Eltern ist jedoch die Tatsache, dass es mit unseren Kindern aufwärts geht, egal wie lange es im Einzelfall dauern wird, bis das Licht am Ende des Tunnels erreicht ist.

Noch eine Bemerkung zu den unterschiedlichen "Haltbarkeiten" der Opioide aus Kasein und Gluten. Bewusst haben wir in dieser Abhandlung immer wieder den Begriff "Nahrungs-Opioide" verwendet, weil sich diese beiden Morphine in vielem ähnlich sind. Dennoch konnten wir anhand von eigenen als auch von unseren Lesern berichteten Erfahrungen doch gewisse Unterschiede feststellen. Die nachfolgenden Aussagen beruhen ausschließlich auf Beobachtungen und haben keinen biochemischen Background.

Demnach scheint es zu sein, als ob die Milch insbesondere für die Hyperaktivität und das gestörte Schlafverhalten verantwortlich zu sein scheint, während der Konsum von Gluten seinen Niederschlag in massiven Wahrnehmungsstörungen zeigt.

Auch scheint sich die Aussage der Wissenschaftler dahingehend zu bestätigen, dass aufgefallen ist, dass ein Diätfehler mit Milch offensichtlich schneller wieder vergessen zu sein scheint als mit Gluten. Weiterhin scheint es einen Trend zu geben, dass sprechende Autisten allein schon mit dem Weglassen von Milch und Milchprodukten erhebliche Fortschritte erzielen können und nach Beginn der Diät deutlich weniger Suchtverhalten zeigen.

Auf der Suche nach der Antwort, warum die gf/kf Diät hinsichtlich ihrer baldigen Erfolge so altersabhängig ist, sind wir auf einen dritten Aspekt gestoßen.

Die Rolle der Neurotransmitter

Wenn Sie unsere stark vereinfachten Ausführungen über die Wirkungsweise verschiedener Neurotransmitter aufmerksam gelesen haben, so haben Sie erfahren, wie lernfähig unser Körper doch ist und wie sehr er sich auf bestimmte Situationen einstellen kann. Oftmals geschieht dies zu unserem Vorteil, aber manchmal auch zu unserem Leidwesen, worüber insbesondere chronisch Kranke ein Lied zu singen wissen. Dass es Phänomene wie Phantomschmerzen gibt, zeigt uns doch anschaulich, dass unsere Körperchemie viel komplizierter ist, als wir erahnen können.

Wagen wir zur besseren Veranschaulichung nochmals einen Vergleich mit den Drogen: Experten gehen davon aus, dass wenn Drogen regelmäßig eingenommen und damit Opioide in schöner Regelmäßigkeit von außen zugeführt werden, dass dann das Gehirn die Eigenproduktion von Endorphinen peu-à-peu einstellt. Das macht den Entzug für den Junkie zur echten Qual, denn bis das Gehirn die Endorphinproduktion wieder aufnimmt, kann ihn mitunter jede kleinste Körperbewegung schmerzen.

Je älter unser Kind geworden ist, desto länger hat sich der Körper unserer Kinder auf die Anwesenheit dieser "Nahrungs-Opioide" eingestellt. Es müssen nicht unbedingt die gleichen Folgen wie in unserem obigen Beispiel mit den Drogen und Endorphinen auftreten, aber aufgrund einiger anderer publizierter Daten ist es sehr wahrscheinlich, dass das Verhältnis der Neurotransmitter untereinander vermutlich sehr stark gestört wurde, dass eine Neuordnung notwendig wird.

Uns liegen keine Daten und Erkenntnisse vor, welche Neurotransmitter im Einzelnen wie stark erhöht oder erniedrigt werden. Oftmals besagt der in Untersuchungen gemessene Spiegel gar nichts aus, denn wie wir schon festgestellt haben, kommt es auch darauf an, wie empfindsam die dazugehörigen Rezeptoren geworden sind. Auch kann sich deren Zahl erhöhen und trotzdem werden sie unempfindlicher oder von anderen Substanzen blockiert. Weiterhin ist die Funktion vieler Neurotransmitter immer noch nicht vollständig erforscht und manche Neurotransmitter wirken sowohl fördernd als auch hemmend, je nach Einsatzort. Pauschale Aussagen wie "Die Dopamin-Spiegel sind beim Autismus erhöht!" oder "Die Serotonin-Spiegel sind erniedrigt!" sind zwar nicht falsch, doch sagen sie im Grunde sehr wenig aus.

Es gibt zahlreiche Berichte über unglaubliche Phänomene beim Autismus, für die bisher keine biomedizinische Erklärung publiziert worden ist. Lassen Sie uns in ein paar Beispielen erläutern, was wir damit meinen:

Frau Dr. Temple Grandin, eine zwischenzeitlich ältere Dame aus den USA, ist autistisch behindert und hat es trotzdem geschafft, zu studieren und einen Doktorgrad zu erlangen. Trotz dieser beachtlichen beruflichen Karriere berichtet sie, dass sie nach wie vor unter für autistisch Behinderte typischen Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen leidet. "Ich kann in einer Hotel-Lobby kein Telefongespräch führen!" hat sie berichtet. "Wenn ich die lauten Nebengeräusche ausblende, dann höre ich meinen Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung auch nicht mehr!"

Dass Temple Grandin diesen beachtlichen beruflichen Erfolg erreichen konnte, verdankt sie eigenen Aussagen zur Folge zwei Umständen: Zum einen erhielt sie als Kind umfangreiche (konventionelle) Therapiemaßnahmen, zum anderen erfand sie bereits in jungen Jahren eine Vorrichtung, die sie (übersetzt) “Quetsch-Maschine” nannte. In einer TV-Reportage hat sie die Anwendung dieser Maschine einmal demonstriert: Sie (Grandin) liegt bäuchlings auf einer gepolsterten Bank, an der links und rechts gepolsterte Wände angebracht sind. Diese Wände lassen sich hydraulisch steuern, sodass die Wände sich aufeinander zu bewegen und die in der Mitte liegende Person wie ein Schraubstock umfassen. Mrs. Grandin selbst bestimmt, wie lange und wie fest sie von dieser Maschine gequetscht wird.

Als Kind fürchtete sie jede Art der Umarmung, aber nicht, weil sie keine soziale Kontakte haben wollte, sondern - so Grandin - weil die Flut der Reize für sie zu überwältigend gewesen waren. Durch kontrollierte Zuführung massiver Reizmengen schaffte sie es jedoch offensichtlich doch, dieses Problem erträglich zu gestalten. Die Funktionsstörungen der Neurotransmitter sind daher offensichtlich und grundsätzlich therapierbar. Aufgrund ihres Alters kann man wohl davon ausgehen, dass sie dies sogar ohne die biomedizinischen Interventionen schaffte, die uns heute zur Verfügung stehen.

Sicherlich dürfte Dr. Grandin hier eine große Ausnahme sein, wobei nicht vergessen werden darf, dass sie ihre Quetsch-Maschine nach wie vor regelmäßig anwendet. Vor ca. 10 Jahren wurde die Festhaltetherapie bekannt und kontrovers diskutiert. Die Eltern, die diese Therapie konsequent durchführten, berichteten voller Überzeugung, dass diese Maßnahme ihr Kind sichtbar gefördert hätten. Zwar wurde der Background dieser Therapie psychologisch erklärt, was sich für den Laien oftmals wie Fachchinesisch anhört, doch machte diese Therapiemaßnahme im Grunde nichts anders als Grandins Quetschmaschine.

In unserer ersten Ausgabe berichteten wir über das Auricula-Hörtraining. Auch hier konnten viele Betroffene mit dieser Maßnahme große Fortschritte feiern. Wieder war diese Therapie so aufgebaut, dass ein starker Reiz kontrolliert zugeführt wurde und die Wahrnehmungsstörungen der Betroffenen mit der Zeit sich besserten. Auricula führte dieses Hörtraining mit je 2 Sitzungen an 10 Tagen durch, doch die großen Veränderungen notierten die Betroffenen oftmals erst Wochen nach Abschluss der Sitzungen. Offensichtlich wurde ein Selbstheilungsprozess im Körper angestoßen, der sich erst nach der Therapie richtig vollzog. Biochemisch können solche Prozesse nur so erklärt werden, dass nach und nach die im Wahrnehmungsprozess beteiligten Neurotransmitter besser funktionierten, indem sich ihre Anzahl als auch die Empfindlichkeit ihrer Rezeptoren regulierte. Aber der Anstoß dazu erfolgte durch die Impulse, die das Hörtraining gesetzt hatte.

Das Auricula-Hörtraining, welches in modifizierter Form auch zwischenzeitlich außerhalb des Auricula-Instituts angeboten wird, ist letztendlich eine spezialisierte Fortentwicklung der Therapiemaßnahmen, wie sie schon Anfang der 1970er Jahre Dr. Carl H. Delacato vorgeschlagen hatte. Delacatos erklärtes Ziel seiner Therapiemaßnahmen (Heimprogramme) war die Neuorganisation des Gehirns. Bei dem Einen mehr und bei dem Anderen weniger hat es sich gezeigt, dass dies durchaus möglich ist.

Die meisten Reize nehmen wir optisch auf, weshalb wohl das größte Phänomen die Entdeckung von Helen Irlen ist, dass nämlich die Wahrnehmung bestimmter Farben Störungen in der Wahrnehmungsverarbeitung auslösen kann. Die störenden Farben sind bei jedem Betroffenen anders und können durchaus im Laufe der Zeit wechseln. Autistisch Betroffene, die speziell eingefärbte Brillen tragen, um die Störfarben heraus zu filtern, berichten davon, dass sie Verbesserungen in der Wahrnehmung in allen Sinnen gespürt haben. Lässt jedoch der Filter nur die störenden Farben durch, was im Zuge der Testverfahren einmal kurzfristig vorkommen kann, dann kann es durchaus vorkommen, dass sie große Schmerzen wahrnehmen.

Da wir Menschen im wachen Zustand ständig optische Reize aufnehmen, sind die optischen Reize quantitativ ziemlich dominant. Dies gibt eine plausible Erklärung dafür, warum optische Reize solch eine bedeutende Rolle in der richtigen Wahrnehmung aller Reize spielen können. Es zeigt uns jedoch auch sehr anschaulich, wie empfindlich das Zusammenspiel der Neurotransmitter doch ist und dass kleinste Veränderungen große Wirkungen haben können.

Welche Rolle die "Nahrungs-Opioide" genau spielen, können wir Ihnen nicht sagen. Offensichtlich haben sie jedoch dazu beigetragen, dass diese Störungen in der Verarbeitung von Reizen einmal entstanden sind, wie sie autistisch Behinderte berichten. Offensichtlich reicht es bei sehr jungen Kindern aus, diese "Nahrungs-Opioide" zu beseitigen, um die Selbstheilungskräfte des Körpers nicht länger zu blockieren.

Dass dies augenscheinlich bei älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nicht mehr (so schnell) der Fall ist, liegt vermutlich daran, dass sich mit der Zeit der Körper zum Zwecke des Selbstschutzes auf die Störungen eingestellt hat.

Solche Gewöhnungseffekte sind nichts Ungewöhnliches. Menschen, die zum Beispiel an einer Bahntrasse wohnen, hören nach einer gewissen Zeit die vorbei donnernden Züge nicht mehr. Bei unseren Kindern kommt noch hinzu, dass sie sich Techniken angeeignet haben, mit diesen Störungen umgehen zu können. Gerade die nahezu zwanghafte Ausführung von Stereotypien dürfte eine dieser Techniken sein, wo sich autistisch Behinderte spürbare Linderung verschaffen. Wenn sich das körpereigene Belohnungssystem dies einmal gemerkt hat, dann ist dies wie beim Raucher, der in bestimmten Situationen seine Zigarette braucht.

Wenn sich dieser Gewöhnungseffekt etabliert hat, geht es den Betroffenen wieder besser. Das können wir bei vielen autistisch Behinderten beobachten, die sich nach einer "schlimmen Phase" wieder stabilisieren. Eine logische Begründung dafür, dass Verbesserungen bei "Älteren* trotz geeigneter biomedizinischer Interventionen (Diät, Darmbehandlung, Ausleitung von Schwermetallen) sich nicht so drastisch darstellen wie bei den ganz jungen Kindern, könnte dieser Gewöhnungseffekt sein. Offensichtlich sieht der Körper keine Notwendigkeit, die Zustände gleich wieder zu ändern, auch wenn die Störfaktoren nach und nach gemindert oder beseitigt worden sind.

Der Impuls dazu muss deshalb von außen kommen und das geschieht in vielen Fällen nicht. Erfahrungsgemäß werden jedoch solche Therapiemaßnahmen, die diesen Impuls geben könnten, mit dem zunehmenden Alter der Patienten weniger. Wir wissen von vielen Kindern, die früher Therapien wie Hörtraining oder Delacato-Heimprogramme machten und heute die gf/kf Diät einhalten. Uns sind jedoch kaum Fälle bekannt, wo beides gleichzeitig durchgeführt wird. Offensichtlich ist jedoch genau diese Kombination notwendig. Als die Diät noch nicht bekannt gewesen war, fielen vor allem unsere Hörtraining-Kinder nach einer gewissen Zeit wieder zurück, sodass Wiederholungen notwendig geworden waren. Ohne die damals noch nicht bekannte Diät wurde die Uhr nur ein Stück zurück gedreht und begann dann wieder von neuem zu ticken.

Die Konsequenz aus dieser Erkenntnis sollte die sein, dass bei älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen neben der Diät und neben anderen notwendigen biomedizinischen Interventionen vor allem Impulse durch geeignete Therapiemaßnahmen gegeben werden müssen, die auf die Linderung bzw. Beseitigung der Wahrnehmungsstörungen gerichtet sind.

Was Therapiemaßnahmen zur Linderung von Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen betrifft, so dürfen wir auf unsere ersten Ausgaben verweisen, die Sie auf unserer Webpage ONLINE nachlesen können.

Ob Autismus wirklich unheilbar ist, wird sich vermutlich erst in der Zukunft zeigen. Mit dem, was wir jedoch heute schon wissen, können wir unsere Kinder zwar noch nicht heilen, aber wir können Ihnen eine große Erleichterung ihrer Leiden verschaffen. Packen wir's an.

Zusammenfassung:

Die gluten- und kaseinfreie Diät kann bei relativ jungen Kindern recht schnell sehr gute Fortschritte und Verbesserungen bewirken. Leider lässt dieses Phänomen nach, je älter der autistisch Betroffene ist, wenn er die Diät beginnt. Zwar sind nach wie vor noch Fortschritte erkennbar, jedoch sind diese deutlich geringer und lassen länger auf sich warten. Trotzdem gibt es auch für ältere Betroffene grundsätzlich keine Alternative zur Diät, jedoch sollten dazu unbedingt weiter biomedizinische Interventionen als auch andere Therapiemaßnahmen zur Verbesserung der Reizverarbeitung durchgeführt werden. Je länger nämlich „Nahrungs-Opioide“, die aus der unvollständigen Verdauung von Gluten und Kasein entstanden sind, auf den Organismus eingewirkt haben, desto länger dauert es, das Zusammenspiel der Neurotransmitter wieder zu ordnen. Gerade deshalb sind weitere Maßnahmen notwendig.

Lesen Sie als Fortsetzung den Beitrag „Was können Sie für Ihr Kind tun?