Auszüge aus der 13. Ausgabe
Bekanntlich berichten wir seit Jahren über Stoffwechselstörungen beim Autismus und nehmen dabei zumindest im deutschsprachigen Raum immer noch eine Sonderrolle war. Ein überwältigend großes Angebot an Literatur beschreibt die beim Autismus typischen Verhaltensstörungen, geht auf (vorwiegend) psychologische Therapieansätze ein und hier und da kann man auch von Störungen im Hirnstoffwechsel etwas lesen. Der Gedanke, dass die Probleme unserer Kinder nicht im Gehirn, sondern in den Därmen ihren Ursprung haben könnten, ist vielen Fachleuten aber auch Eltern nach wie vor fremd und wird beharrlich ignoriert. WIR ELTERN unternimmt in der nachfolgenden Abhandlung den Versuch, die Erkenntnisse aus den Bereichen Verhaltensauffälligkeiten, Hirnstoffwechsel und Verdauung zusammen zu führen und Zusammenhänge, soweit sie bisher bekannt sind, aufzuzeigen.

Prof. Shattock und Kollegen veröffentlichen  einen Erklärungsansatz zum Thema

Warum Kinder sich autistisch verhalten ...

Autistisches Verhalten ist typisch, aber nicht immer gleich

Es gibt gewisse Verhaltensmuster, die wir als "typisch autistisch" bezeichnen würden, wenn gleich nicht alle autistisch Behinderten diese Verhaltensmuster zeigen bzw. in der gleichen Intensität zeigen. Wenn sich Eltern autistischer Kinder treffen und Erfahrungen austauschen, dann stellen sie nämlich immer wieder fest, dass trotz vieler Gemeinsamkeiten ihre autistisch diagnostizierten Kinder mitunter ganz schön unterschiedlich sein können. Auch wenn man als Mutter oder als Vater eines autistisch behinderten Kindes etwas über Autismus liest, dann hat man unweigerlich zunächst sein eigenes Kind vor Augen und erkennt erst im Gedankenaustausch mit anderen Eltern, dass die Merkmale des Autismus vielleicht doch anderes ausgeprägt sein können.

Diese Vorbemerkung ist wichtig, wenn wir uns in den nachfolgenden Zeilen über  ein paar typische autistische Verhaltensmuster befassen wollen. Prof. Dr. Paul Shattock aus England, uns Eltern sowohl als Wissenschaftler als auch als einer von uns bereits wohl bekannt (Prof. Shattock ist Vizepräsident des Europäischen Autismus-Dachverbands), hat sich einige Gedanken darüber gemacht, was die Ursache für gewisse autistische Verhaltensmuster sein könnte, für die die Wissenschaft außer psychologischen Erklärungsversuchen bisher keinen biomedizinischen Erklärungsansatz hat liefern können.

1.) Ständige Unruhe und Bewegungsdrang

Eine der Auffälligkeiten beim Autismus ist zum Beispiel eine häufige Unruhe bzw. ein ständiger Bewegungsdrang, welche viele Betroffenen zeigen. Einige Kinder scheinen total unfähig zu sein, still zu halten, an einem Tisch zu sitzen oder eine Mahlzeit zu sich zu nehmen, ohne dazwischen aufzustehen und herum zu laufen. Viele Eltern, Therapeuten, Erzieher und Lehrer, die versucht haben, diesen Bewegungsdrang zu stoppen, mussten feststellen, dass dies schier unmöglich zu sein scheint. Es hat den Anschein, als ob ein starker, wenn auch wechselnder innerer Drang diese konstante Bewegung verursacht.

Shattock und Kollegen meinen, als ob dieser Drang und diese Bewegungen sehr ähnlich der konstanten Aktivität ist, welche bei Menschen beobachtet werden kann, die als schizophren diagnostiziert sind und die Medikamente wie Thioridazine, Chlorpromazine oder Haloperidol nehmen. Diesen Patienten werden meistens dazu noch andere Medikamente verordnet, um diese Nebenwirkungen zu minimieren.

Die Wissenschaftler weiter: "Es ist wahrscheinlich, dass die Bewegungen, die von diesen Medikamenten verursacht werden, in der Tat die gleichen sind, welche man bei Menschen mit Autismus wahrnimmt, weil sie den gleichen ursächlichen Mechanismus haben. Diese Neuroleptika wirken, indem sie die Übertragung in den dopaminergen Systemen hemmen.

Wir (Shattock u. Koll.) nehmen an, dass beim Autismus diese Systeme nicht durch Medikamente, sondern durch die opioiden Peptide gehemmt sind. Die Folgen sind die selben!"

Dass autistisch Behinderte Störungen im Dopaminsystem aufweisen, ist nichts Neues. Prof. Dr. Dipl. Psych. Wendeler schreibt in dem bereits 1988 erschienenen Buch "Frühkindlicher Autismus, BELTZ (3. Auflage) auf Seite 295: "Abnormalitäten im Dopaminsystem scheinen spezifisch für die Behinderung Autismus zu sein. Wiederholt wurde ein erhöhter Anteil des Hauptabbauprodukts des Dopamins im Liquor nachgewiesen, und zwar vor allem bei Kindern mit erhöhter lokomotorischer Aktivität und Stereotypien (z.B. Cohen et al, 1977). Das dopaminerge System scheint also zu stark aktiviert zu sein, zumindest bei dieser Teilgruppe. Dazu passt nach Kliepera, dass Neuroleptika, mit denen man bisher die besten Behandlungserfolge erzielt hat, die Dopaminrezeptoren blockieren. Eine auf die Ursachen zielende Therapie ist nach wie vor unmöglich. (...)"

Auf Seite 296 fährt Wendeler wie folgt fort: "Campbell stellte fest, dass die gegenwärtig verfügbaren Medikamente am wirksamsten sind bei der Verminderung von Symptomen wie Schlaflosigkeit, Hyperaktivtät, Impulsivität, Irritierbarkeit, psychologischen Ideenstörungen und bestimmten Formen von Aggressivität. Kliepera (...) hebt vor allem die positive Wirkung von Neuroleptika hervor. Allerdings würden keine dauerhaften Behandlungserfolge erzielt: Wenn die Medikamente abgesetzt werden, käme es wieder zu einer Verschlechterung. Vorsicht sei auch deshalb geboten, weil weder über die Wirkung noch über die Nebenwirkungen von längerfristigen Behandlungen genügend bekannt sei!"

Soweit die Ausführungen von Prof. Dr. Wendeler aus dem Jahr 1988. Wenn Sie die Ausführungen aufmerksam verfolgt haben, so werden Sie festgestellt haben, dass es Gegensätze und Übereinstimmungen in den Stellungnahmen der beiden Wissenschaftler gibt. Übereinstimmend stellen doch beide Autoren fest, dass viele autistisch Behinderte ein Dopamin-Problem haben. Dagegen bewerten sie die Wirkung von Neuroleptika offensichtlich konträr: Während Wendeler feststellt, dass man Neuroleptika bisher (1988) die besten Behandlungserfolge erzielt habe, so benennt hingegen Shattock über 10 Jahre später die Neuroleptika als Kronzeugen seiner Theorie. Tatsächlich jedoch nennen zahlreiche Autoren als ernsthafte Nebenwirkungen bei der Behandlung mit Neuroleptika, dass es bei einigen Produkten relativ häufig zu unerwünschten extrapyramidalen Wirkungen kommen könne. Gemeint sind damit solche oder so ähnliche Verhaltensauffälligkeiten, wie wir sie eingangs beschrieben haben.

Da der Einsatz von Neuroleptika in der Behandlung autistisch Behinderter jedoch nicht unser Thema ist, wollen wir diese Frage zunächst einmal offen lassen. Die Ziele, der Zweck und die Aufgaben der sogenannten medizinischen Laienpresse, zu der wir unsere Zeitschrift WIR ELTERN gerne zählen, können und sollen nicht die gleichen der Fachpresse sein. Wir sind in erster Linie eine Zeitschrift für Eltern (also in der Regel medizinische Laien), die Hintergrundswissen, aber auch Anregungen und - wenn möglich - Hilfe zur Selbsthilfe vermitteln will.

So kann es uns Eltern zunächst einmal helfen, wenn wir als erstes Zwischenergebnis fest halten können:

Der Bewegungsdrang und die motorische Unruhe unserer Kinder können durchaus einen möglich erklärbaren biochemischen Hintergrund haben.

Selbstverständlich werden wir im Laufe dieser Ausgabe noch näher darauf eingehen, wollen uns jedoch zuerst einer weiteren Auffälligkeit unserer Kinder widmen:

2. Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen

Wenn Sie sich an unsere 7. Ausgabe erinnern, wo wir den Versuch unternommen haben, über die Störungen in der Verarbeitung von Sinnesreizen autistisch Behinderter zu berichten, dann können Sie erahnen, von was im Folgenden die Rede ist.

Viele unserer Kinder erleben tagtäglich ein Chaos im Kopf, verursacht durch zu viele Reize. Selbst die Fittesten unter den autistisch Behinderten wie die US-Amerikanerin Temple Grandin oder die Australierin Donna Williams, die ausführlich über ihre Störungen berichtet haben, schildern für uns Gesunde schier Unglaubliches. "Wenn jemand zu schnell spricht, dann verstehe ich nur noch bla bla bla!" sagt Donna Williams. "Ein Telefongespräch in einer Hotel-Lobby zu führen, ist unmöglich!" meint Temple Grandin. "Wenn ich versuche, die Nebengeräusche auszublenden, dann höre ich den Teilnehmer am Telefon auch nicht mehr!" Doch nicht nur das Gehör, alle Sinne bereiten Schwierigkeiten. Grandin schilderte weiter, dass sie Berührungen deshalb vermied, weil der Reiz des Berührwerdens für sie zu überwältigend gewesen war.

Noch komplizierter, noch unvorstellbarer wird die Sache jedoch dann, wenn uns autistisch Behinderte uns berichten, dass sie neben dem Zuviel an Reizen von bestimmten Sinnen gleichzeitig Mangel an Reizen von anderen Sinnen haben. Während die leichte Berührung schier unerträglich erscheint, so fühlen die gleichen Betroffenen ihre Gliedmaßen nicht oder nur bei ganz starken Reizen. Viele Autisten mussten schon fixiert werden, weil sie sich die Unterarme blutig gebissen haben. Und damit die Sache noch unvorstellbarer wird, berichten viele autistisch Behinderte, dass die Wahrnehmung ihrer Sinne nicht jeden Tag gleich sei, dass es gute und schlechte Tage gebe, ja sogar gute und schlechte Stunden.

Bei der Entstehung solcher Phänomene, so vermuten Shattock und Kollegen, sind höchstwahrscheinlich ebenfalls opioide Peptide beteiligt, die den Stoffwechsel der Neurotransmitter wie zum Beispiel Dopamin empfindlich stören.

Was hat es also auf sich mit diesem Neurotransmitter? Bevor wir uns einem möglichen Erklärungsansatz nähern können, ist es wichtig, ein paar grundsätzliche Mechanismen zu erklären:

Unser Gehirn ist ein Netzwerk von vielen Tauschend Nervenzellen, die untereinander bzw. miteinander verbunden sind. Dieses Netzwerk bestimmt nicht nur unsere Wahrnehmung, sie erkennt nicht nur den Schmerz, den wir fühlen, sondern auch unsere Stimmung und unsere Gefühle werden hier erzeugt.

In unserer 10. Ausgabe haben wir das Prinzip der Reizübertragung zwischen zwei Nervenzellen bereits erläutert. Stark vereinfacht wollen wir das Prinzip hier nochmals wiederholend erklären:

Innerhalb einer Nervenzelle wird ein Reiz zunächst elektronisch weiter geleitet, wobei positiv und negativ geladene Atome eine Rolle spielen. Zwischen zwei Nervenzellen besteht ein winziger Spalt. Ein Reiz, eine Nachricht, ein Signal, egal wie wir es nennen wollen, überquert diesen Spalt zur anderen Nervenzelle nicht mehr elektronisch, sondern auf chemischen Wege. Diese chemischen Nachrichtenboten sind die Neurotransmitter, die wie Fähren einen Fluss überqueren und am anderen Ufer an bestimmten, für sie passenden Anlegestellen wieder anlegen können.

Um es etwas fachlicher auszudrücken: Jeder Neurotransmitter kann sein Signal nur an einen für ihn passenden Rezeptor übermitteln. Zu den Neurotransmittern zählen Stoffe wie Acetylcholin, Serotonin, Noradrenalin, GABA und auch das bereits erwähnte Dopamin.

Es drangt sich unwillkürlich die Frage auf: Warum verfügt der menschliche Organismus über ein solch kompliziertes System?

Die Antwort darauf gibt ein Vergleich mit einem modernen Verkehrsleitsystem einer Großstadt. Wie oft stöhnt der Berufspendler, der jeden Tag mit seinem Pkw zur Arbeit in die Großstadt fahren muss, über die vielen roten Ampeln, die ihm einiges an Standzeiten abverlangen. Um wie viel größer die Verweildauer jedoch wäre, wenn es diese Ampeln nicht gäbe, merkt man erst, wenn solch ein System einmal ausfällt und das pure Chaos regiert.

Im Prinzip genauso wie die Ampeln den Straßenverkehr regeln, damit nicht alles steht, so regeln die Neurotransmitter die vielen Reize, die ständig auf uns einströmen. Es käme zum Chaos im Gehirn, wenn es nur eine elektronische Übertragung gäbe und damit diese Reize alle gleichzeitig ankommen würden. Weiterhin ist es notwendig, dass Dauerreize wie Lärm oder Schmerz nicht dauernd zum Gehirn durchdringen können, sondern dass sie mit der Zeit gedämpft oder sogar ignoriert werden können.

Dass dieses System jedoch gerade bei unseren autistisch behinderten Kindern, egal wie stark ihre Störungen ausgeprägt sind, nicht richtig funktioniert, dürfte uns allen klar sein. Da gibt es Reize, die immer Vorfahrt haben und die deshalb andauernd ungehindert bzw. ungedämpft im Gehirn ankommen, während andere scheinbar nie oder nur ganz selten ankommen. Der Vergleich mit den ausgefallenen Ampeln ist daher sehr zutreffend. Der Verkehr aus einer untergeordneten Straße kommt kaum zum Zug, wenn der Verkehr auf der übergeordneten Straße zu dicht ist. Wenn dies im Straßenverkehr einmal der Fall ist, dann kann ein besonderes Phänomen beobachtet werden: Gerade viele der Verkehrsteilnehmer auf den untergeordneten Straßen, sofern sie geistig flexibel als auch ortskundig sind, suchen sich alternative Routen, um ans Ziel zu kommen.

Dieses Grundprinzip dürfte vermutlich beim Autismus dem relativ großen Erfolg von speziellen Therapiemaßnahmen wie der sensomotorischen Integration in der Ergotherapie, dem Hörtraining oder den Heimprogrammen nach Delacato zu Grunde liegen. Allen diesen Therapiemaßnahmen wird nämlich nachgesagt, dass sie das Chaos der vielen Reize, welches im Kopf unserer Kinder oft regiert, nachhaltig bessern können.

Und wie machen sie das? Indem dem Betroffenen systematisch und therapeutisch kontrolliert immer wieder gewisse Reize zugeführt bzw. angeboten werden und das Gehirn dadurch lernt, mit den Reizen richtig umzugehen. Die Reizverarbeitung wird also ein Stück weit geregelt. Wir können aus eigenen Erfahrungen davon berichten, dass diese Prinzipien funktionieren.

Allerdings mussten wir jedoch auch Rückschritte beobachten, wenn die Therapiemaßnahmen nicht regelmäßig wiederholt wurden. Während wir in den ersten sieben Ausgaben unserer Zeitschrift vornehmlich über solche Therapiemaßnahmen berichteten, so stellte sich uns schon damals die Frage: Was ist dafür verantwortlich, dass es immer wieder Rückschritte gibt, wenn die Therapie nicht regelmäßig durchgeführt wird.

Die Suche nach einer Antwort auf diese Frage bringt uns zunächst wieder zurück zu Dopamin. Noch immer sind nicht alle Funktionen des Dopamin bis ins Kleinste erforscht. Bisher sind aber folgende bekannt:

Dopamin ist an der Steuerung der extrapyramidalen Motorik im nigrostriatalen DA-System beteiligt. Vereinfacht bedeutet das, dass Dopamin die Befehle des Nervensystems an die Muskulatur weitergibt. Das größte Vorkommen von Dopamin findet sich in einer Nervenzellenansammlung im Hirnstamm, der Substantia nigra (schwarze Substanz). Bei Menschen mit Parkinson ist diese Hirnregion erheblich blasser. Gegenüber einem esunden Menschen ist die Konzentration von Dopamin um 90 Prozent gesunken.

Doch Dopamin beeinflusst auch unsere Wahrnehmung und Gefühle. Man vermutet nämlich, dass Dopamin die Wahrnehmungsfähigkeit erheblich zu steigern scheint. Menschen, die an einer Psychose leiden, sind als "Wahrnehmungsgenies" bekannt. Wenn wir unsere Kinder genau beobachten, dann trifft dies bei dem Einen oder Anderen exakt genau so zu. Doch was auf den ersten Blick so toll, so genial klingt, hat bekanntlich seine Tücken.

Ununterbrochen ist jeder Mensch Wahrnehmungen, Empfindungen, Eindrücken, Gefühlen ausgesetzt. Ein "gesunder" Mensch nimmt davon nur ungefähr 10 Prozent bewusst war. Verdoppelt sich der Anteil der bewussten Wahrnehmung auf 20 Prozent, so stehen die meisten Menschen kurz vor einem "Nervenzusammenbruch". Wenn es noch mehr wird, dann können Seele und Geist des Betroffenen krank werden. Er kann nicht mehr bewerten, was wichtig ist, und was nicht. Viele Krankheiten, die als psychische Erkrankungen gelten, dürften so entstehen, wie die medizinische Literatur berichtet.

Wie viel Prozent der Reize autistisch Behinderte aufnehmen, kann nur geschätzt werden und der Wert dürfte von einem Betroffenen zum anderen auch erheblich schwanken.

Den genauen Zusammenhang zwischen Reizüberflutung und Störungen im Neurotransmitterstoffwechsel konnte man bis heute noch nicht zeigen. Es ist aber bekannt, dass Dopaminantagonisten, z. B. Neuroleptika, bei der Behandlung von Psychosen sehr wirkungsvoll sind. Phänomene der Reizüberflutung scheinen sich also dadurch behandeln zu lassen, indem Dopamin (teilweise) blockiert wird.

Auch das High-Gefühl beim Konsum von Drogen, das verstärkte Empfinden von Glück, Freude und Zuversicht, wird auf eine verstärkte Ausschüttung von Dopamin zurückgeführt. Verantwortlich dafür ist ein Belohnungssystem, das wir Menschen auch selbst stimulieren können. Dieses Belohnungssystem besteht aus verschiedenen Bestandteilen. Kernbereich ist der Nucleus accumbens.

Man konnte im Tierversuch nachweisen, dass eine Injektion von Drogen an diese Stelle dazu führt, dass eine Selbststimulation stattfindet. Dabei wird eine erhöhte Dopaminkonzentration im Bereich des Nucleus accumbens beobachtet.

Gezeigt werden konnte diese Stimulation für Opiate, Kokain und Amphetamine. Andere Drogen bewirken eine Hemmung des Neurotransmitters Noradrenalin. Diese Hemmung führt ebenfalls zu einer verstärkten Wirkung von Dopamin. Auch auf diese Weise wird das Belohnungssystem aktiviert. Drogen, die diese indirekte Stimulation vermutlich ausüben sind Opiate, Alkohol, Barbiturate und Benzodiazepine. Auch die körpereigenen Endorphine wirken auf diese Weise. Nikotin und Koffein stimulieren ebenfalls das Belohnungssystem. (Quelle: InterNet, www.medicus.de/sucht/ursachen/dopamin.shtml).

Halten wir als weiteres Zwischenergebnis fest: Sowohl die ständige Unruhe bzw. der starke Bewegungsdrang als auch die bizarren Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen beim Autismus stehen vermutlich im kausalen Zusammenhang mit einer verstärkten Wirkung des Neurotransmitters Dopamin.

Welche Rolle dabei die von Shattock und Kollegen verdächtigten Opioide Kasa- und Glidiamorphin möglicherweise spielen, werden wir später noch erläutern.

3.) Kontrolle von (Auto-) Aggressionen

Aggressionen sind grundsätzlich nichts Negatives, weil jeder Mensch ein biologisches Grund-Aggressions-Potential hat. Auch hängt es sehr stark von den Umständen, der Gesellschaft und der Kultur ab, in wie fern gewisses Verhalten als aggressiv gewertet wird oder nicht. Wichtig ist, dass der Mensch gelernt hat, seine Aggressionen zu kontrollieren.

Polizeiliche Kriminalstatistiken zeigen, dass die Zahl derer immer mehr zunimmt, die ihrer Aggressionen nicht wie gewünscht im Griff haben. Von daher wäre die oft bei autistisch Behinderten beobachtete fehlende Kontrolle von Aggressionen nichts autismusspezifisches, wenn bei unseren Kindern nicht vor allem die Auto-Aggressionen (Wut gegen sich selbst) so oft beobachtet werden könnten. Nun kann es durchaus sein, dass vermeintliche Auto-Aggressionen gar nicht das sind, für das wir sie halten. Denken wir nur an die Kinder, die sich beißen, weil sie sonst ihre Arme nicht fühlen können, wie wir bereits erwähnt haben. Trotzdem beobachten wir bei unseren Kindern oftmals scheinbar unmotivierte (Auto-) Aggressionen bzw. ein Übermaß an "erklärbaren" Aggressionen, die doch für autistisch Behinderte typisch sind.

Der Grundmechanismus (Kämpfe oder flüchte) ist in Jedem von uns verankert. Dennoch werden unter normalen Umständen die Aggressionspotentiale von anderen Systemen "gehemmt", besonders von den Systemen, bei denen Serotonin beteiligt ist, so Shattock und Kollegen. Wenn diese Systeme ihrerseits gehemmt sind, dann wird die Wahrscheinlichkeit eines aggressiven Verhaltens immer größer als auch schwieriger zu kontrollieren. Opioide Peptide hemmen ebenfalls diese Systeme.

Wiederum verweisen viele Autoren darauf, dass die genauen Wirkungsmechanismen immer noch nicht ausreichend erforscht sind. Medikamente wie zum Beispiel Prozac, die zu einer vermehrten Verfügbarkeit des Neurotransmitters Serotonin führen, werden von der Medizin erfolgreich bei der Behandlung von Aggressionsstörungen eingesetzt.

Dies lässt den Schluss zu, dass Serotonin bei der Entstehung bzw. bei der fehlenden Kontrolle von Aggressionen bzw. Autoaggressionen offenbar eine entscheidende Rolle spielt.

Das Zusammenspiel bzw. auch die Wechselwirkung der beiden Neurotransmitter Serotonin und Dopamin scheint also unsere Reaktionen auf einen Stressreiz zu regeln. Eine Erhöhung der Dopamin-Konzentration macht und bereit zu einer sofortigen Bewegung (Flucht!), während der Serotonin-Spiegel unsere Aggressionen kontrolliert (Kampf). Mit diesem Grundprinzip "Kämpfe oder fliehe!" reagieren wir Menschen auf Stress aus der Umwelt wahrscheinlich schon seit Bestehen der Menschheit, auch wenn sich die Handlungsmöglichkeiten sicherlich seither vervielfacht haben dürften.

Shattock und Kollegen weiter: Es ist bekannt, dass bei Stressbedingungen Opioide wie Beta Endorphin in das Gehirn abgegeben werden. Diese Umstände sind charakteristisch für Furcht, für das Kämpfe-oder-fliehe-Verhalten als auch Teil für die notwendige Selbsterhaltung. Die gleichen Reaktionen können aber auch aus der Anwesenheit von Opioiden aus körperfremden Quellen wie der Nahrung hervor gerufen werden.

Halten wir als weiteres Zwischenergebnis fest, dass die seltsamen Verhaltensmuster unserer autistisch behinderten Kinder dadurch bedingt sein könnten, dass gewisse Neurotransmitter entweder zu stark oder zu schwach wirken.

Lesen Sie als Fortsetzung den Beitrag „Die Wirkung von Opioiden