Auszüge aus der 13. Ausgabe
Wie sagte der alte Philosoph: “Der Tod liegt im Darm!”

Mikroben und ihre Rolle beim Autismus

Ein Beitrag von versch. Redaktionsmitgliedern, zusammengefasst von Jürgen Greiner

Vorwort:

Unser Verdauungstrakt und dabei insbesondere unsere Därme spielen in Bezug auf unsere Gesundheit oder unsere Krankheit eine ungeheuer wichtige Rolle, deren Bedeutung wahrscheinlich immer noch nicht richtig erkannt wird. Das liegt vermutlich daran, dass wir Fehlfunktionen erst dann wahrnehmen, wenn wir Auffälligkeiten im Stuhlgang (Verstopfung oder Durchfall) bemerken. Dabei gibt es in der medizinischen Literatur immer mehr Autoren, die darlegen, dass die Ursache vieler ernsthafter Krankheiten ihren Ursprung im Darm gefunden hat, wo sie sich jahrelang unbemerkt entwickeln konnten, ehe sie äußerlich erkennbar zum Ausbruch kamen.

Wir tragen in den nachfolgenden Artikel Puzzleteilchen zusammen, die Zusammenhänge zwischen Störungen im Darm und autistischen Symptomen darlegen. Wir erheben dabei weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch soll dies eine Anleitung zur Selbstbehandlung sein. Wir wollen vielmehr unseren Lesern das Verständnis über bestehende Zusammenhänge öffnen, damit Eltern in der Lage sind, die Situation ihres autistisch behinderten Kindes besser zu beobachten und besser zu beurteilen. Die Hilfe eines Arztes oder Heilpraktikers zur Therapie wird von wenigen Ausnahmen abgesehen unabdingbar sein. Leider ist nicht jeder Arzt oder Heilpraktiker dazu gleich gut geeignet, auch wenn diese Fachpersonen es sein sollten.

Leider sehen sich viele Ärzte eher als Krankheitsmanager nach dem Motto: "Ein Patient, ein Arzt, eine Diagnose, eine Pille". Dennoch gibt es immer mehr engagierte Ärzte, die die Gesundheit des Patienten als Ganzes im Auge haben und der Artikel soll uns Eltern auch dabei behilflich sein, den richtigen Arzt auszuwählen.

Mitunter müssen auch wir als Patienten unsere Einstellung ändern, denn die nachfolgenden Vorschläge sind auf eine langfristige Besserung ausgelegt. Wenn also auch noch Sie zu den Menschen gehören sollten, die nach einer "Dreimal-täglich-vierzehn-Tage-Lösung" suchen, dann werden wir Sie leider enttäuschen müssen. Der Schlüssel zur Gesundheit ist:

Optimale Ernährung und Verdauung

Optimale Ernährung und Verdauung sind Grundlage für Wachstum, für Heilung, für Entwicklung als auch für das normale Funktionieren von jedem Organ im Körper. Wenn die Verdauung optimal funktioniert, dann funktionieren auch andere Organe und Systeme im Körper besser bzw. haben die Chance, besser zu funktionieren. Dies kommt daher, weil das Verdauungssystem für das Lösen von Nährstoffen aus unserer Nahrung verantwortlich ist, welche wiederum unabdingbar für das Funktionieren physiologischer Prozesse im Körper notwendig sind.

Aus diesem Grunde ist das Verdauungssystem im besonderen Maße verantwortlich für die Förderung der Gesundheit im Körper als Ganzes.

Das Verdauungssystem versorgt den Körper nicht nur mit Brennstoffen, sondern es spielt auch eine integrale Rolle im Funktionieren des Immun- als auch des Nervensystems. In seinem Buch "Der kluge Bauch - Die Entdeckung des zweiten Gehirns" (original: The Second Brain) erklärt der amerikanische Neurobiologe Michael Gershon die Verbindung zwischen Darm und Hirn und beschreibt, wie zwei Drittel aller Immunaktivitäten sich im Darmtrakt abspielen. Es gibt also eine innere Verbindung zwischen dem Magen-Darm-Trakt, dem Immunsystem und dem zentralen Nervensystem.

Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich zwar nicht auf Gershon, aber seine Theorien zeigen die Bedeutung des Darms für eine Behinderung wie den Autismus in einem ganz anderen Licht, wo die Störungen bis dato in erster Linie im Gehirn und dem zentralen Nervensystem vermutet wurden bzw. nach wie vor werden.

Eine vollständige und ausgewogene Ernährung ist sicherlich einer der Grundsteine für eine gute Gesundheit, und doch gibt es viele Menschen mit exzellenten Ernährungsgewohnheiten, die unter beachtlichen Verdauungsproblemen leiden. Für diese Menschen gilt, dass selbst die beste Ernährung der Welt ihnen nur wenig nützt, wenn bzw. weil der Körper nicht in der Lage ist, diese richtig und sauber zu verdauen, die Nährstoffe zu absorbieren und sie dem Körper zuzuführen. Dies kann dann schließlich zu Nährstoffdefiziten führen, die wiederum Grundlage für andere systematische Störungen wie Asthma, Hautkrankheiten bis hin zu neurologischen und immunbezogenen Beschwerden sein können.

Dies betrifft auch das Autistische Syndrom. Bei der Mehrheit der Kinder mit Autismus beobachtet man typische Verdauungsstörungen wie das Syndrom des durchlässigen Darms (siehe WE 10. Ausgabe), schlechte Absorption von Nährstoffen durch den Darm (siehe WE 9. Ausgabe), Dünndarmentzündung, Störungen der Leber bei der Entgiftung, Überwucherung durch Pilze und Bakterien (siehe WE 11. Ausgabe u.a.), Schwefelmangel (siehe WE 10. Ausgabe) und andere.

Eine Studie des Teams um Dr. Horvarth (siehe Bericht in dieser Ausgabe) mit 36 Kindern mit Autismus ergab, dass viele unter Darmerkrankungen litten wie Reflux esophagitis (69,4 %), chronische Gastritis (41,7 %), chronische Entzündung des Zwölffingerdarms (66,7 %) sowie eine niedrige Aktivität der Kohlenhydrat-Enzyme im Verdauungstrakt (58,3 %). Leider dominieren beim Autismus andere Störungen derart, dass solche Erkrankungen nur am Rande wahrgenommen werden und ein kausaler Zusammenhang nicht gleich offensichtlich ist.

Alle diese Abnormalitäten, die bei autistischen Kindern in Bezug auf die Verdauungsfunktion gefunden wurden, sind jedoch in der Lage, die Verdauungsfunktionen nachhaltig zu beeinträchtigen, was einher geht mit der Fähigkeit, Nahrungsmittel sauber zu verdauen (insb. Gluten und Kasein, siehe WE 8. Ausgabe und ff.) und schließlich zu beachtlichen Nährstoffdefiziten führen kann. Einige der am meisten bekannten Vitamin- und Mineraldefizite, die bei Menschen mit Autismus beobachtet werden konnten, waren Zink, Magnesium, Kalzium und Vitamin B6. Wenn dann noch andere Komponenten wie Nahrungsmittelallergien, chemische Belastungen durch die Umwelt oder Schwermetallvergiftungen (siehe WE 11. Ausgabe) hinzukommen, dann wird erklärlich, warum man bei Kindern mit Autismus so viele neurologische, immunologische und andere systematische Störungen findet. Für diese Menschen ist die gastrohlogische Gesundheit ein wichtiger Schlüssel und die Störungen im Verdauungstrakt ein bedeutendes Hindernis in Bezug auf ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden.

Man kann sich den Verdauungstrakt als einen langen Schlauch von 7 bis 9 Meter Länge vorstellen, der im Mund beginnt und im Anus endet. Die Därme sind dabei die wichtigsten Komponenten des Verdauungssystems, weil sie eine lebende Grenze zwischen der äußeren Welt (schädliche Bestandteile der Nahrungsmittel, Giften, Bakterien, Hefen, Pilzen und Schwermetallen) und der inneren Welt (Zellen, Enzymen, Hormonen, Gewebe und Organen) darstellt. Ihre wichtige und andauernde Aufgabe besteht darin, diese schädlichen Substanzen davon abzuhalten, diese Grenze zu passieren und in den Blutstrom zu gelangen, während sie gleichzeitig dafür sorgen müssen, dass segensreiche Nährstoffe aus der Nahrung dies tun. Ist das System gestört, so gilt es zunächst, die Störungen so gut als möglich zu eliminieren und gleichzeitig einen heilenden Prozesses zur Wiederherstellung von verletztem Gewebe einzuleiten.

Die “Guten” und die “Bösen”

Unzählige Mikroorganismen leben in unserem Körper. Man schätzt ihre Zahl auf eine Trillion, eine Zahl, die unser Vorstellungsvermögen leicht übersteigt. Unter diesen unseren Untermietern gibt es "gute" und "böse" Mikroorganismen. Dabei ist es nicht so, dass bei einem gesunden Mensch nur die Guten vorhanden seien. Der Spruch "Pilze hat Jeder!", den man oft in Zusammenhang mit der Candida-Problematik hört, ist deshalb nicht falsch. Selbst Candida oder die gefährliche EHEC-Bakterienstämme (Escherichia coli) sind bei jedem gesunden Menschen grundsätzlich vorhanden. Letztere können durch ihre freigesetzten Gifte bei Kindern bis hin zum tödlichen Nierenversagen führen. Es ist deshalb auf den ersten Blick nicht begreiflich, warum wir potentielle Schädiger in uns tragen, die uns unter Umständen sogar töten können.

Ein Grund dafür, dass uns die Natur so ausgestattet hat, ist vermutlich der, dass unsere Umgebung die gleichen oder vielleicht sogar noch gefährlichere Mikroorganismen enthält, gegen die wir uns selbst unter Einhaltung der größten Hygienemaßnahmen nicht vollkommen schützen können. Da unser Körper grundsätzlich über geeignete Strategien verfügt, sich gegen diese todbringenden Winzlinge zu verteidigen, stellen vermutlich die in uns wohnenden und potentiell gefährlichen Bakterienstämme sozusagen den Sparringspartner für die Verteidigung, also das Immunsystem dar.

Von großer Bedeutung für unsere Gesundheit ist dabei, dass ein sehr empfindliches Gleichgewicht zwischen den Guten und den Bösen gewahrt bleibt. Erst wenn dieses Gleichgewicht gestört wird und es der Körper nicht mehr schafft, dieses wieder herzustellen, dann setzt sich eine Spirale in Bewegung, an deren Ende schwere Schädigungen, schwere Krankheiten oder unter Umständen sogar der Tod stehen können.

Eine Anzahl von Medikamenten, insbesondere Antibiotika, Steroide und Hormonersatzstoffe können das Gleichgewicht im Darm empfindlich stören oder vernichten. Sicherlich haben Antibiotika die Fähigkeit, schädliche Bakterien zu zerstören und sie haben damit das Leben von unzähligen Menschen gerettet, die unter schweren Infektionen gelitten haben. Leider vernichten sie dabei aber auch die segensreichen Bakterien im Darm. Dies ermöglicht dann die Ausbreitung von verschiedenen Darmkrankheiten, unter anderem auch die Überwucherung mit Candida und anderen Hefepilzen. Viele Eltern autistischer Kinder berichten, dass die Probleme ihrer Kinder nach dem Einsatz von Antibiotika begonnen hatten. Die Nebenwirkungen der Antibiotika können sich auch auf die Schwächung des Immunsystems erstrecken, was den Prozess noch weiter beschleunigt. Ein geschwächtes Immunsystem wird sehr häufig bei Kindern mit Autismus festgestellt.

Im Dünndarm finden wir überwiegend Lactobazillen, Colibakterien und Enterokokken. Diese zählen bis auf wenige Ausnahme zu den aeroben Mikroorganismen, das heißt, dass sie Sauerstoff zum Leben brauchen. Im Dickdarm dagegen agieren vorwiegend anaerobe Bakterienstämme, also solche, die keinen Sauerstoff für den Stoffwechsel brauchen. Die Schar der Bakterien ist riesengroß und vermutlich sind auch noch nicht alle Stämme entdeckt,  erforscht oder klassifiziert worden.

Die bedeutendsten "guten" Mikroorganismen im Dickdarm sind die Bacteroides und die Bifidobakterien. Die positiven Einflüsse, die diese Winzlinge auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden haben, sind die Ansäuerung des Dünndarmmilieus durch Lactobazillen und Enterokokken, die Nährstoffversorgung der Schleimhaut durch kurzkettige Fettsäuren, die Bacteroides und Bifidobakterien im Dickdarm bilden, das Unterdrücken möglicher oder wahrscheinlicher Krankheitserreger sowie die Beeinflussung des Immunsystems und vieles mehr.

Negative Einflüsse mit zumeist geringen Auswirkungen entfaltet im Allgemeinen nur die Minderheit der Mikroben, wenn das Gleichgewicht stimmt. Trotzdem werden wir nachfolgend diese möglichen Schädlinge als pathogene, also krankheitserregende Mikroorganismen bezeichnen.

Lesen Sie zu diesem Themenkomplex noch die weiteren Beiträge:

Candida albicans – Bedeutung und Therapie

Andere pathogene Mikroben

Der Einsatz von Probiotika