Auszüge aus der 13. Ausgabe

Wieder neue Antworten auf noch offene Fragen:

Neue Erklärungsmodelle und neue Therapieansätze

Ein Beitrag von Jürgen Greiner

Sokrates, der weise Greis,
sagte oft mit vielen Sorgen,
ach, wie viel liegt doch verborgen,
was man immer noch nicht weis.

Wilhelm Busch

Ja, es stimmt. Wir wissen noch längst nicht alles, was im Autismus unserer Kind noch soviel im Verborgenen liegt. Doch wenn wir ein paar Jahre zurück blicken, dann dürfen wir doch froh sein, wie viel engagierte Wissenschaftler gerade in den letzten Jahren aus dem Verborgenen in Sachen Autismus ans Licht geholt haben.

Man muss sich nur einmal vor Augen halten, welche diffuse und absonderliche Theorien von (damals) allerseits anerkannten Psychiatern und Psychologen aufgestellt worden sind, über die wir uns heute Gott sei Dank nicht mehr aufregen müssen. Wie viele Mütter haben zum Beispiel unter der lange Jahre geltenden Doktrin gelitten, ihre angebliche Gefühlskälte sei Schuld an der Behinderung ihrer Kinder. Wie viele Jahre wurde fast kritiklos die Theorie von den sogenannten "Kühlschrankmüttern" aufrecht erhalten, gelehrt, weiter gegeben, praktiziert?

Als der von mir nach wie vor verehrte Autismusforscher Dr. Carl H. Delacato seine Theorien präsentierte, Autismus sei in erster Linie eine neurologische Störung, da wurde er viele Jahre lang von großen Teilen der Wissenschaft und der Fachwelt zum Spinner gemobbt. Ich habe manchen Beitrag von anerkannten Fachleuten auf dem Gebiet der Neurologie gelesen, die damals Delacato buchstäblich in der Luft zerrissen und seine Theorien als blanken Unsinn darstellten, von denen zudem Gefahr ausgehen würde, weil sie Eltern falsche Hoffnungen unterbreiten würden.

Wie dem auch sei, alles geht vorbei, die Zeit heilt viele Wunden. Und siehe da, nach Jahrzehnten von Ignoranz und Anfeindung und nachdem sich peu-à-peu seitens der Fachwelt die eine oder andere Fachperson mit Delacatos Ideen angefreundet hatte, da hörte man nun auch von anerkannten Wissenschaftlern Töne wie: "Menschen mit Autismus sind in ihrer Wahrnehmungsfähigkeit stark gestört!"

Auch wenn Delacato nur die Hälfte der sich immer mehr ans Tageslicht schiebenden Wahrheit über den Autismus erkannt hatte, so wird er durch die heutigen Wissenschaftler aus aller Welt, allen voran aus den USA, Stück für Stück bestätigt.

... zur Vitamin B6-Therapie:

Ein weiterer, von mir sehr geschätzter Pioneer auf dem Gebiet der Autismusforschung, den ich allerdings im Gegensatz zu Dr. Delacato nie persönlich kennen lernen durfte, ist Dr. Bernard Rimland. Seine für mich herausragende Leistung ist die Gründung seines Autismus-Forschungs-Instituts (ARI), welches von der Konzeption her damals revolutionär war und heute noch den richtigen Ansatz darstellt, den offenen Fragen des Autismus auf den Grund zu gehen. Rimland schaffte es, Eltern und Forscher unter einen Hut zu bringen und darin liegt meines Erachtens sein größter Verdienst. Sicherlich ging das nicht von gestern auf heute, aber die große Anzahl der Leser seiner Zeitschrift weltweit als auch die imposante Teilnehmerzahl der in den letzten Jahren statt gefundenen DAN!-Tagungen (DAN! = Besiegt den Autismus jetzt!) sprechen eine eindeutige Sprache. Mit etwas Wehmut frage ich mich manchmal, wie lange wir in Deutschland noch brauchen, um die Zeichen der Zeit endlich zu verstehen. Dabei hatte bzw. hat Dr. Rimland auch nicht auf jede Frage eine Antwort, aber er traute sich immer, seine Erkenntnisse zu veröffentlichen und nicht zu warten, bis in Jahrzehnten vielleicht Jemand den Stein der Weisen (zufällig) gefunden hätte.

Die Therapie mit Vitamin B6 und Magnesium (siehe WE Ausgaben 2 und 6) ist dafür ein Beispiel. Als Rimland davon zum ersten Mal berichtete, da wusste er nicht, warum dies so war, dass so viele Kinder mit Autismus absolut positiv auf sehr große Dosierungen von Vitamin B6 zusammen mit Magnesium positiv in ihrem Verhalten reagierten. Es gab daraufhin zahlreiche Studien, wo das Verhalten der Kinder bewertet wurde und das Ergebnis war immer:

Ein großer Teil der Kinder mit Autismus reagiert äußerst positiv in ihrem Verhalten auf die Einnahme von großen Dosierungen von Vitamin B6 zusammen mit Magnesium.

Ich habe bundesweit in unseren Kreisen, also bei Vorständen und Funktionären von Bundes- und Regionalverbänden HILFE FÜR DAS AUTISTISCHE KIND, immer wieder den unterschwelligen Vorwurf hören müssen, die Forschungen der Amerikaner seien nicht seriös genug. Ich gehe davon aus, dass man von einem seriösen Forscher erwartet hätte: "Ich halte so lange den Mund, bis ich definitiv weis, wie der Wirkungsmechanismus funktioniert! Schließlich könnte es ja gefährliche Nebenwirkungen geben, für die ich dann verantwortlich wäre!"

Rimland hat dies nicht getan und hat damit in den Augen vieler Fachleute aber auch Funktionäre stark an Seriosität eingebüßt. Vielleicht habe ich es meiner beruflichen Ausbildung zu verdanken, dass ich nicht wissenschaftlich gedacht habe, sondern mich eher von der Erfahrung leiten ließ, dass selbst hinter der kleinsten Spur die Lösung eines Falles versteckt sein kann, dass ich Rimlands Vorschläge vor ca. zehn Jahren bei meinem Sohn ausprobiert habe, welcher seit dieser Zeit und nicht erst seit heute davon ungemein profitieren konnte.

Dr. William Shaw, dessen Buch "Biologische Behandlungen bei Autismus und PDD" seit einiger Zeit auch als deutschsprachige Ausgabe erhältlich ist, liefert einen sehr guten biochemischen Erklärungsansatz, warum Vitamin B6 und Magnesium in hohen Dosierungen so segensreich bei autistisch Behinderten wirken können.

Ich darf JEDEM die Lektüre des Buchs sehr empfehlen, weil Dr. Shaw die biochemischen Vorgänge auch für den Laien verständlich darlegt und ich es deshalb für eines der besten Bücher halte, die im deutschsprachigen Raum bisher über das Thema Autismus erschienen sind. Dass es dieses Buch nun auch in deutsch gibt, ist der Initiative zweier Mütter zu verdanken: Silvia Gottstein und Sabine Melugin haben in mühevoller Kleinarbeit die englische Ausgabe übersetzt und so den Grundstein gelegt, dass die Herausgabe einer deutschen Ausgabe möglich geworden ist. Wenn in dieser Ausgabe aus dem Buch zitiert wird, so betone ich ausdrücklich, dass es sich nur um wesentlich vereinfachte Wiedergaben von viel komplexeren Vorgängen handelt, um den Lesern unserer Zeitschrift das Verständnis für die Notwendigkeit von gewissen therapeutischen Maßnahmen für ihre Kinder zu eröffnen. Auf keinen Fall erhebt WIR ELTERN den Anspruch, alles wissenschaftlich exakt erklären zu können. Dafür - wie bereits erwähnt - empfehlen wir die Lektüre des Buchs. Doch zurück zu Dr. Shaw:

Dr. Shaw hat biochemische Zusammenhänge entdeckt, wonach pathogene Hefen wie z.B. der Candida albicans im menschlichen Körper die Aufnahme von Vitamin B6 blockieren können.

Er fand bei seinen Untersuchungen im Urin von Kindern mit Autismus Acetaldehyd, laut Shaw ein Stoffwechselprodukt von pathogenen (also krankheitserregenden) Hefen. Vitamin B6 besteht aus zahlreichen Aminosäuren und entwickelt seine segensreichen Wirkungen an verschiedenen Stellen in Körper, indem mit diesen Aminosäuren Enzyme chemische Reaktionen eingehen. Die Aminosäuren des Vitamins B6 können jedoch auch mit Acetaldehyd chemische Reaktionen eingehen, was jedoch den Nachteil hat, dass dann die Aminosäure für weitere Reaktionen mit Enzymen quasi verbraucht ist. Das Vitamin ist also für den Körper wertlos geworden und kann nur noch ausgeschieden werden.

Dieser Vorgang kann bildlich mit der Fabel vom Hase und dem Igel verglichen werden. Immer wenn der Hase angekommen ist, was der Igel schon da, weil - wie wir alle wissen - der Igel nicht schneller war, sondern es sich um zwei Igel gehandelt hatte, die den armen Hasen zur Verzweiflung gebracht haben.

Die zahlenmäßige große Überlegenheit der Hefen-Nebenprodukte kann nur dadurch ausgeglichen werden, indem die Anzahl der B6-Vitamine auch drastisch erhöht wurde. Dies würde erklären, warum solch hohe Megadosen, wie sie Rimland empfohlen hatte, den Erfolg gebracht haben, der in vielen Studien nachweislich zur Besserung des Verhaltens autistisch behinderter Kinder geführt hat.

Über die Hefe Candida albicans haben wir bereits in den vergangenen Ausgaben bereits berichtet und werden dies im Verlauf dieser Ausgabe nochmals ausführlich tun.

Rimlands Vorschläge sind schon weit über 10 Jahre alt, weshalb es verwunderlich ist, dass nicht schon viel früher dafür ein Erklärungsansatz geliefert wurde. Statt dessen sind viele Fachleute in Sachen Ernährung nicht müde geworden, immer wieder zu betonen, dass solch hohe Dosierungen schädlich sein müssen. Statt die Ergebnisse der zahlreichen verhaltensbezogenen Studien immer wieder in Zweifel zu ziehen, wäre es wesentlich ratsamer gewesen, sich darüber Gedanken zu machen, warum dies so ist. Dies gilt auch für weitere Phänomene beim Autismus, über die in dieser Ausgabe noch die Rede sein wird. Zwei Erkenntnisse nehmen wir Eltern aus den Forschungsergebnissen von Dr. Shaw zunächst mit:

1.) Die Tatsache, dass Mega-Dosierungen von Vitamin B6 (zusammen mit Magnesium) bei vielen Kindern mit Autismus sich als segenreich erwiesen haben, indiziert eindrucksvoll, wie stark die Überwucherung der Hefen im Inneren unserer Kinder mitunter fortgeschritten sein kann.
2.) Als Alternative / Ergänzung zur Vitamin-B6-Therapie empfiehlt sich eine fundierte Candida-Therapie, auf die wir in dieser Ausgabe nochmals gesondert eingehen werden.

... zur Wirkung von Sekretin

Abgesehen von ein paar einzelnen Berichten über die Publikationen von Dr. Bernard Rimland stieg die Redaktion WIR ELTERN im Frühjahr 1999 mit der 6. Ausgabe in das Thema biomedizinische Ansätze bei Autismus ein. Mit Ausnahme der Millenniumsausgabe konnten wir bisher keine anderen aktuellen Themen mehr finden, was verdeutlicht, dass darin der Schlüssel zum Wohlbefinden unserer Kinder zu suchen ist.

Blenden wir kurz zurück: Als wir die Geschichte des kleinen Parker Beck zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum veröffentlichten und damit kontroverse Diskussionen hervorriefen, da waren die Amerikaner schon einen Schritt weiter. Dennoch hatten Gary und Victoria Beck, Parkers Eltern, bis zu diesem Zeitpunkt auch bereits eine lange, schmerzvolle Odyssee hinter sich bringen müssen, bis die Fachwelt darauf reagiert hatte.

Parker war noch ein relativ junges Kind, der neben der Behinderung Autismus die Auffälligkeit hatte, dass sein Stuhl unverdaute Nahrungsteile enthielt. Parkers Entwicklung in den Autismus war vergleichbar mit vielen anderen Kindern mit Autismus: Nach und nach hatte er viele Fähigkeiten, darunter die Sprache, verloren und statt dessen autistische Symptome entwickelt. Aufgrund der Auffälligkeiten im Stuhl sollte er an der Universitätsklinik untersucht werden. Dabei wurde auch die Bauchspeicheldrüse untersucht, wozu Parker eine Infusion mit Sekretin gegeben wurde.

Die Entwicklung des noch sehr kleinen Jungens nahm wieder stetig zu. Er begann wieder Sprache zu entwickeln und machte unglaubliche Fortschritte in der Therapie. Auf der Suche nach Antwort, was den Entwicklungsschub bei ihrem Kind ausgelöst haben könnte, stießen die Becks schließlich auf Sekretin.

Gerade weil es aber nicht einfach war, weitere Sekretin - Infusionen zu bekommen, mussten die Eltern an die Öffentlichkeit gehen, um interessierte Ärzte und Fachleute zu finden bzw. zu mobilisieren. Mehrfach traten die Becks im US-Fernsehen auf und wir titulierten deshalb unsere 6. Ausgabe mit der Frage: "Sekretin - Hat eine Mutter aus Amerika das Wundermittel gegen Autismus entdeckt?"

Obwohl unsere Recherchen zu diesem Thema erst begonnen hatten, als schon zahlreiche Autismusforscher sich mit dem Thema eingehend beschäftigt hatten, konnte bis dahin Keiner einen vernünftigen Erklärungsansatz für dieses Phänomen geben. Auch waren die Meldungen über die Effizienz von Sekretin sehr unterschiedlich. Während es eine ganze Reihe von sehr positiven Erfolgsmeldungen gab, dass Sekretin einen Entwicklungsschub beim autistisch behinderten Kind ausgelöst hätte, gab es auch zahlreiche Meldungen, wo nichts oder nichts Wesentliches danach zu beobachten gewesen wäre.

Hierzulande zeigte sich die Fachwelt, allen voran der wissenschaftliche Berat des Bundesverbandes HAK, gegenüber Sekretin sehr zurückhaltend, wenn nicht sogar abweisend. Trotzdem nahm die Anzahl der wenigen Ärzte, die diese Therapieform bei autistisch Behinderten ausprobierten, stetig zu, sodass auch unsere Redaktion etliche Rückmeldungen hinsichtlich Sekretin erhielt. Wenn gleich sich auch hier positive als auch negative Meldungen das Gleichgewicht hielten, so waren die Erfolgsmeldungen bei weitem nicht so toll wie die, die man aus den USA hörte. Unweigerlich drängte sich die Frage auf, ob die Amerikaner nicht vielleicht maßlos übertreiben würden?

Die Antwort auf diese Frage fanden wir erst ein Jahr später heraus und sie liegt wohl in der Tatsache begründet, dass die in den USA behandelten Kinder im Durchschnitt wesentlich jünger waren als die Kinder, bei denen man in Deutschland die Therapie versuchte.

Die erste Erkenntnis, die sich daraus ergab, war die, dass hinsichtlich der Erfolgschancen einer biomedizinischen Intervention das Alter des Patienten eine ungeheuere Rolle spielte. Je jünger, desto größer die Aussichten auf Erfolg.

Auch wenn die Amerikaner zunächst keinen plausiblen Erklärungsansatz hatten, so wurden doch in der Folgezeit etliche Studien über die Wirksamkeit von Sekretin unternommen. Dr. Rimland berichtete in seiner Zeitschrift ARRI schließlich von fünf wissenschaftlichen Studien, wobei diese in erster Linie darauf angelegt waren, mögliche Nebenwirkungen von Sekretin zu erkennen, um Aussagen darüber treffen zu können, ob die Gabe von Sekretin sicher sei. Dahingehend verliefen alle Studien positiv, man kam jedes Mal zu dem Schluss, dass Sekretin sicher sei.

Als die Ergebnisse der ersten Studien veröffentlicht wurden, da triumphierten die Ewig-Gestrigen, weil sie es ja schon immer gewusst hatten: "Die wissenschaftlich fundierten Studien haben bewiesen, dass Sekretin nicht wirkt!" Ein herber Schlag für viele Eltern, die nach den verheißungsvollen Berichten aus den USA Hoffnung geschöpft hatten. Was war passiert?

Um es nochmals zu wiederholen: Wissenschaftlich fundiert waren die Studien nur hinsichtlich der zu untersuchenden Frage, ob die Gabe von Sekretin Nebenwirkungen erzeugen kann bzw. ob Sekretin sicher sei. Daneben wurden die ersten Verhaltensbeobachtungen gesammelt und veröffentlicht. Dass eine Verhaltensbeobachtung eine mitunter sehr subjektive Angelegenheit sein kann, hob Dr. Rimland in seinem Aufsatz "Negativer Placeboeffekt" hervor, wo er von Fällen berichtete, wo Eltern, Lehrer, Therapeuten und Erzieher, also alle, die mit dem Kind zu tun hatten, sich nach der Gabe von Sekretin positiv über die Verhaltensänderung des Kindes äußerten, jedoch der begutachtende Arzt sich als Einziger dieser Meinung verschloss. Schließlich sind auch Wissenschaftler nicht ganz frei von dem Vorurteil, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

Wer also diese Studien zum Beweis heran zieht, dass Sekretin keine Wirkung in Bezug auf Autismus habe, der ist entweder nur ganz schlecht informiert oder er verdreht bewusst die Tatsachen, um Andere in die Irre zu führen.

Ich hatte nie Zweifel daran, dass Sekretin bei Parker Beck und anderen Kindern einen Entwicklungsschub ausgelöst hatte, der bis dato unvergleichlich gewesen ist. Bei diesen Kindern hatte die Bezeichnung "Wundermittel gegen Autismus" sicherlich auch seine Berechtigung. Ich hatte jedoch auch nie Zweifel daran gehabt, dass Sekretin bei vielen Kindern keine oder nur eine geringfügige Wirkung zeigte. Viel wichtiger als die Frage, ob Sekretin wirkt oder nicht, war für mich deshalb schon immer die Frage, warum Sekretin bei dem Einen wirkt und bei dem Anderen versagt.

Leider drehten sich die ersten veröffentlichten Studien nur um die Frage: Wirkung JA oder NEIN. Ganz spärlich wurden die ersten gemessenen biochemischen Parameter veröffentlicht, wodurch die Frage der Wirksamkeit peu-à-peu wissenschaftlicher behandelt wurde.

So zum Beispiel die Studie von R. Sockolow und Kollegen. Bei den Kindern, bei denen erhebliche Verbesserungen beobachtet werden konnten, hatten die Forscher nämlich zuvor einen niedrigen Sekretin-Spiegel als auch Antikörper gegen Gluten beobachtet. Ein erster Lichtblick war auch die placebo-kontrollierte Doppel-Blind-Studie von Horvath und Kollegen, wo die Forscher festgestellt hatten, dass 76 % der Kinder vorher eine abnormal hohe Durchlässigkeit des Darms gezeigt hatten. Nach einer einzelnen Sekretin-Infusion wurde mittels Urin-Test festgestellt, dass bei 65% dieser hohe Wert der Darmdurchlässigkeit signifikant abgenommen habe.

Die erste wissenschaftlich fundierte Erkenntnis in Sachen Sekretin war deshalb die, dass eine Sekretin-Infusion  Schäden der Darmwand wieder heilen kann.

Unsere Zeitschrift hat noch nie den Anspruch der hohen Wissenschaftlichkeit erhoben und wird es auch in absehbarer Zeit auch nicht tun. Wir sind nämlich der Ansicht, dass die Gruppe der autistisch Behinderten so unterschiedlich ist, dass wissenschaftlich fundierte Ergebnisse daran scheitern, solange nicht biochemisch markierte Untergruppen untersucht werden. Wir haben deshalb schon immer unsere Berichterstattung unter den Vorbehalt gestellt, dass die von uns gewonnenen Ergebnisse dem autistisch behinderten Kind helfen können, aber nicht müssen.

Und wenn Jemand behauptet, man habe wissenschaftlich festgestellt, dass Etwas nicht hilft, dann ist unser Tipp an alle Eltern: Glauben Sie den (negativen) Studien erst dann, wenn sie alle Parameter und nicht nur das vermeintliche Ergebnis kennen. Unter dem soeben genannten Vorbehalt dürfen wir, nachdem wir in der 6. Ausgabe zum ersten Mal über Sekretin berichtet hatten, nun folgendes berichten:

Der amerikanische Autismus-Forscher Dr. Horvath hat Erkenntnisse veröffentlicht, wonach Sekretin bei einer Untergruppe von autistisch Behinderten direkte positive Wirkungen auf das Gehirn entfaltet.

Was die Untergruppe betrifft, wo Sekretin nicht oder nur unbedeutend wirkte, so waren dies Kinder mit diagnostizierter Dickdarmentzündung (colitis) oder Bauchspeicheldrüseninsuffizienz (pancreatic insufficiency).

Da bezüglich dieser neuen Erkenntnisse unserer Redaktion zu wenig Material zur Verfügung stand, gehen wir deshalb in dieser Ausgabe nicht näher darauf ein, sondern veröffentlichen lediglich einem von ihm im März 2002 in Paris gehaltenen Vortrag. Selbstverständlich werden wir Horvath's Entdeckungen weiter verfolgen und gegebenenfalls in den nächsten Ausgaben davon berichten.

Wenn Horvath Recht behält, dann könnten wir uns vorstellen, dass eine tägliche Sekretin-Spritze einmal zur selbstverständlichen Behandlung von Autismus gehören könnte. Diese Vorstellung ist gar nicht so realitätsfremd, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Bei Diabetikern zum Beispiel gehört die tägliche Gabe von Insulin zur üblichen Therapie. Beide Stoffe, also Sekretin und Insulin, werden nämlich vom gleichen Organ ausgeschüttet.

Ein Therapieversuch mit Sekretin kann zwar bedenkenlos unternommen werden, falls man einen Arzt findet, der dazu bereit ist. Allerdings ist die Therapie nicht gerade billig, muss immer wieder, vielleicht sogar ständig wiederholt werden und wird derzeit noch nicht von den Krankenkassen übernommen. Wir wollen uns deshalb noch einige Gedanken zu Alternativen machen, die Sie mit ihrem Kind gleich durchführen können.

Dazu gehört eine umfassende Darmsanierung, auf die wir in dieser Ausgabe ausführlich eingehen. Denken Sie bitte daran, dass Horvath seine hoffnungsvolle Entdeckungen auf die Kinder einschränkt, deren Darm (noch) gesünder ist. Auch konnte man sich bisher seitens der Fachwelt keinen Reim darauf machen, warum Sekretin beim Autismus wirken sollte, weil man bis dato davon ausging, dass Sekretin "nur" eine Rolle bei der Verdauung spielt.

Wir setzen "nur" in Anführungszeichen, weil die Verdauung allein schon (also auch ohne die von Horvath genannte direkte Beziehung zum Gehirn) eine ungeheuer große Bedeutung hat. Sekretin wird im Dünndarm produziert und sorgt dafür, dass zum einen der Speisebrei durch die Ausschüttung von Bikarbonat den richtigen pH-Wert erhält, aber auch dass Enzyme ausgeschüttet werden und diese auch wirken können.

Dr. Shaw hebt eindringlich darauf ab, dass die von ihm eingehend erforschten Hefen (Candida albicans zum Beispiel) Enzyme produzieren, die in der Lage sind, die Darmwand selbst zu verdauen. Damit ist spätestens dann zu rechnen, wenn sich die Hefezellen in der Darmschleimhaut festsetzen und diese zu einem "Schweizer Käse" verwandeln. Dadurch können auch Funktionen wie die Bildung von Sekretin beeinträchtigt werden.

Diese These passt zu den eingangs erwähnten früheren Feststellungen von Horvath, dass nach der Sekretin-Infusion die Durchlässigkeit des Darm weniger geworden war. Und denken wir immer daran, dass die vielen Nahrungsmittelallergien, die viele unsere Kinder haben, vermutlich deshalb auftreten, weil durch den durchlässigen Darm unverdaute Nahrungsmoleküle "unerlaubt" in die Blutbahn gelangen und dann Reaktionen des Immunsystems hervorrufen.

Noch wissen wir nicht, ob ein wieder geheilter Darm mit einer wieder funktionierenden Sekretinproduktion die von Horvath erwähnten Sekretin-Speicher im Gehirn wieder auffüllen kann oder nicht. Vielleicht brauchen wir wirklich Sekretin als das Tüpfelchen auf dem i.

Auf jeden Fall ist eine umfassende Darmsanierung ein erster Schritt, den wir mit unserem Kind so bald als möglich tun sollten. Dann klappt's vielleicht auch besser mit dem Sekretin. Wir werden weiter davon berichten.