Auszüge aus der 13. Ausgabe

... mein Kind besser verstehen lernen:

Erklärungsansätze nach Dr. Carl H. Delacato

Dr. Carl H. Delacato, Autismus-Experte aus den USA, hat bereits Anfang der siebziger Jahre in seinem Buch Der unheimliche Fremdling ... dargelegt, dass das seltsame Verhalten autistische Kinder (zum Beispiel die immer wiederkehrenden gleichen Bewegungen und Handlungen, auch Stereotypien genannt) ihre Ursache darin haben, dass die Wahrnehmung bzw. die Wahrnehmungsverarbeitung bei autistischen Kindern massiv gestört sei. Was er damit gemeint hat, erläutern wir Ihnen in dem nachfolgenden Beitrag:

Dr. Delacato im November 1995 in Eppingen (Baden-Württemberg). Am nächsten Tag war er der Hauptredner der 1. Autismus-Fachtagung des Verein Hilfe für das autistische Kind, RV Rhein-Neckar-Kraichgau e.V. in Waibstadt (Rhein-Neckar-Kreis). Im Hintergrund Jürgen Greiner, damals Vorsitzender des RV und Autor dieses Beitrags.

Erklärungsansatz nach Delacato (Grundschema):

Die verschiedenen Sinnesbahnen auf drei Arten in ihrer Funktion gestört sein, wobei verschiedene Kombinationen sehr wahrscheinlich sind:

1.) hyper: Ein überempfindliches Sinnessystem vermittelt dem Gehirn zu viele Sinneseindrücke, die dann nicht mehr normal bewältigt werden können.
2.) hypo: Ein unterempfindliches Sinnessystem vermittelt dem Gehirn zu wenige Sinneseindrücke. Das Gehirn leidet also unter Reizmangel.
3.) Weißes Geräusch oder weißes Rauschen: Körpereigene Wahrnehmungen (das Schlagen des Herzes zum Beispiel) werden nicht mehr ausgefiltert, wodurch Wahrnehmungen aus der Außenwelt entstellt oder sogar vollkommen überdeckt werden können.

Delacato hatte bei blinden Kindern beobachtet, dass diese ähnliche Verhaltensmuster wie Kopfschaukeln, Augenbohren oder unaufhörliches Drehen eines Gegenstandes vor dem Gesicht zeigten. Taube Kinder hingegen schlugen rhythmisch an Gegenstände und erzeugten gleichmäßige Laute mit der Stimme. Je mehr sich Delacato damit beschäftigte, desto mehr verstärkte sich seine Annahme, dass die Wahrnehmung von autistischen Menschen gestört sein müsse. Zeugnisse von Betroffenen haben in der Folgezeit gezeigt, dass Delacato richtig gelegen hat.

Im Gegensatz zu blinden oder tauben Kindern, wo nur ein Sinneskanal gestört ist, sind jedoch bei autistischen Kindern alle Sinne davon betroffen, also das Sehen, das Hören, das Fühlen, das Riechen und das Schmecken.

Da das Kind die Außenweltreize nicht adäquat verarbeiten kann, erlebt es diese lt. Delacato als chaotisch und bedrohend. Die häufig anzutreffenden Angstzustände und unmotiviert erscheinenden Wutausbrüche oder auch unmotiviertes Lachen könnten hier eine Erklärung finden.

Durch eine genaue Beobachtung des Kindes kann festgestellt werden, welche Sinnesbahn nicht normal funktioniert und ob die Störung hyper, hypo oder weißes Geräusch ist.

Mit den nachfolgenden Beispielen wollen wir den Versuch unternehmen, die verschiedenen Störungen der Wahrnehmungsverarbeitung etwas zu veranschaulichen. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass dies nicht bedeutet, dass jedes autistische Kind die nachfolgend beschriebenen Störungen haben muss.

Die Beispiele sollen viel mehr eine Art Checkliste darstellen, anhand der Eltern ihre Kinder beobachten und dann feststellen können, was bei ihrem Kind zutreffen könnte und was nicht.

Sicherlich ist die Materie noch viel komplizierter. Was zum Beispiel das Zusammenwirken von mehreren Sinnen betrifft, so berichten Betroffene, dass sie sich nur auf einen oder zwei Sinneskanäle gleichzeitig konzentrieren können. Die anderen bleiben so lange "abgeschaltet".

Auch was die Umsetzung von Wahrnehmung in entsprechende Handlungsmuster betrifft, kommen noch andere Faktoren hinzu. Trotzdem vertreten wir die Ansicht, dass selbst eine vereinfacht dargestellte Beschreibung von möglichen Sinnesstörungen Eltern mehr helfen kann, ihr Kind verstehen zu lernen als die pauschale Diagnose "Autismus".
Mein Bett war ganz und gar von winzigen Pünktchen umgeben und eingeschlossen. Sie waren eine Art mystischer Glassarg. Inzwischen habe ich erfahren, dass das eigentlich Luftteilchen sind. Aber mein Gesichtssinn war so überempfindlich, dass sie oft zu einem hypnotisierenden Vordergrund wurden, hinter dem der Rest der Welt verblasste.“

Dieses Zitat stammt aus einem Buch von Donna Williams, einer Frau mit Autismus. Leider können sich (bisher) nur wenige Menschen mit Autismus über ihre Störungen so verständlich äußern, wie dies Donna Williams und ein paar andere getan haben.

Wenn unserer Kind nicht sprechen kann oder sich darüber noch nicht geäußert hat, dann bedeutet dies nicht, dass unser Kind diese oder ähnliche Störungen nicht hätte. Das Störungsbild beim Autismus ist jedoch so verschieden, dass andererseits die von Donna Williams beschriebene Störung nicht unbedingt bei jedem Betroffenen in dieser Form auftreten muss.

Die wichtigsten Hinweisgeber sind die Betroffenen selbst. Nicht nur, dass jedes autistische Kind durch seine Zwangshandlungen, seine Stereotypien, also durch seine immer wieder kehrenden Lieblingsbeschäftigungen ganz deutliche Hinweise gibt, wie seine Sinne gestört sind, so gibt es zwischenzeitlich etliche autistisch Betroffene, die darüber berichtet haben.

Die erst seit einigen Jahren hier in Deutschland bekannte Methode der Gestützten Kommunikation (FC) hat dabei sicherlich einen entscheidenden Anteil geleistet, dass wir heute auch über die nicht-sprechenden Betroffenen mehr Bescheid wissen als früher, wo man sie ganz einfach für geistigbehindert gehalten hat und diese keine Möglichkeiten hatten, sich zu äußern.

Störungen im Tastsinn

Der Tastsinn beinhaltet das Empfinden an der Hautoberfläche sowie das Tiefen-empfinden. Dabei kann bei vielen Kindern die Besonderheit auftreten, dass sie in einem Bereich über- und in dem anderen unterempfindlich sind. Jede Berührung an der Hautoberfläche wird so massiv wahrgenommen, als hätte man einen Sonnenbrand; dagegen fühlen sie ihre Gliedmaßen (die Arme und/oder die Beine) so, als wären sie taub.

Wenn Kinder sich gegen Berührungen massiv wehren, wenn sie sich gerne ausziehen und sich gegen das Tragen von rauen oder engen Kleidungsstücken wehren, dann ist dies ein starkes Indiz, dass das Kind jede Berührung an der Hautoberfläche übermäßig stark empfindet. Sie bevorzugen weiches oder pelz-artiges Spielzeug und streicheln oder kitzeln ihren Körper damit. Außerdem fällt eine große Schmerzempfindlichkeit auf. Dazu gehören auch Kinder, die schon in der Säuglingszeit große Schwierigkeiten machen, wenn sie auf den Arm genommen werden, weil sie dies als schmerzlich empfinden. Es braucht also keine emotionale Störung zugrunde liegen, wie oft fälschlicherweise angenommen wird. Die Amerikanerin Temple Grandin schrieb dazu folgendes:

"Ich flüchtete, wenn Leute versuchten, mich zu umarmen, weil eine Umarmung eine überwältigende Flutwelle an Stimulationen durch meinen Körper sandte.

Ich wollte das angenehme Gefühl, gehalten zu werden, fühlen, aber dann, wenn jemand mich hielt, war der Effekt auf mein Nervensystem überwältigend.

Ich war ständig bemüht, Annäherungen zu vermeiden, aber nicht Ärger oder Angst, sondern die Wahrnehmungs-überempfindlichkeit verursachte die Blockade (...)"

Wenn Sie als Eltern dies beobachten, sollten Sie den Kindern keine zu engen oder zu rauen Pullover anzuziehen, auf keinen Fall Rollkragenpullover! Beobachten Sie das Kind, wie es auf behutsamen Körperkontakt reagiert. Taktile Handlungen, die das Kind selber bei sich ausführt, sollten dann durch eine andere Person ausgeführt werden. Das Kind lernt dadurch Berührungsreize zu tolerieren, die von außen kommen und nicht von ihm selbst ausgeführt werden.

Wenn Kinder sich selbst verletzen, schlagen, beißen oder fortwährend wunde Stellen berühren (z.B. eine Schnitt- oder eine Schürfwunde), so dass diese nicht heilen können, dann ist dies ein großes Indiz dafür, das sie im Tiefenempfinden fast nichts fühlen. Bei ernsthaften Verletzungen weinen diese Kinder auch nicht oder nur selten.

Wir alle kennen das Gefühl, wenn einem einmal der Arm oder ein Bein "einge-schlafen" ist. Deshalb ist es unsinnig, dem Kind selbst-verletzendes Verhalten durch Erziehungsmaßnahmen abzugewöhnen wollen. Eine kurze, aber tiefgehende Massage kann hier vielmehr bewirken.

Aus Zeugnissen von Betroffenen wissen wir, dass diese Störungen nicht jeden Tag gleich stark empfunden werden. Deshalb ist es umso wichtiger, das Kind immer zu beobachten.

Wie sollte so eine Massage aussehen: Delacato empfiehlt, dem Kind viele taktile Stimulationen zukommen zu lassen. Das muss nicht lange sein, es kommt vielmehr auf die Vielfalt an.

Jeweils ein bis zwei Minuten erhält das Kind zuerst Reize mit einem Föhn, dann mit einem Vibrator oder Massagegerät, dann mit einem rauen Tuch und schließlich eine in die Tiefe gehende Massage. Zunge, Mund und Zähne sollen ebenfalls gerieben, stimuliert werden, wobei sich eine in der Drogerie erhältliche Baby-Zahnbürste (ein Überzug für den Zeigefinder aus Gummi, der mit Noppen versehen ist) besonders gut eignet. Bewährt hat sich auch das Abklopfen des Gesichts mit dem Zeigefinger. In Apotheken ist zudem ein spezieller Roller erhältlich, der die Haut sanft, aber nachhaltig massiert. Wichtig ist zudem, dass diese Massagen regelmäßig (am besten zweimal täglich) durchgeführt werden.

Indizien für Weißes Rauschen im Tastsinn sind, wenn sich Kinder häufig kratzen, als hätten sie einen Körperausschlag oder Mückenstiche. Oftmals bekommen sie Verzweiflungsausbrüche, bei denen sie sich selbst oder andere schlagen. Auch hier kann eine Massage Wunder bewirken.

Was die therapeutische Behandlung betrifft, so sind uns sehr gute Erfolge mit der in der Ergotherapie angewandten Methode der Sensorischen Integration bekannt. Wir raten deshalb Eltern, eine(n) Ergotherapeutin(en) zu suchen, die/der damit Erfahrung hat.

"Ich habe es immer sehr geliebt, wenn man mich fest angepackt hat. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass ich mir solche angenehmen Gefühle auch selbst verschaffen kann, in dem ich mir z.B. auf die Nase haue.

Die Stimulation mit dem Massagegerät hat mir eine Menge gebracht. Ich habe das Gefühl, dass mein ganzer Körper wichtiger wude, weil ich ihn differenzierter wahrnehme...

Wenn ich zuviel Stimulation bekomme, spielen aber die Nerven anschließend verrückt und es kann passieren, dass ich meine Hände gar nicht mehr kontrollieren kann.

Dietmar Zöller

Riechen und Schmecken

Der Geruchssinn wird bei der Betrachtung Sinne gerne übersehen. Dabei kann gerade hier die Ursache für das eine oder andere Verhalten zu sehen sein.

Dabei fallen eher die Kinder auf, die hier unterempfindlich sind, weil sie den eigenen Kot auf die Wände oder ihren Körper schmieren oder einnässen, um mit dem eigenen Urin zu spielen. Ferner fallen sie dadurch auf, dass sie erst einmal intensiv Personen und Gegenstände beriechen, wenn sie einen Raum betreten.

Wenn ein Kind jedoch hier überempfindlich ist, dann ist dies schon schwieriger festzustellen. Das Kind kann keine Gerüche ignorieren und fühlt sich von bestimmten Gerüchen angezogen oder aber auch abgestoßen. Wir riechen Schweiß oder Mundgeruch erst, wenn wir einem anderen Menschen sehr nahe sind. Diese Kinder riechen dies schon auf einige Meter Entfernung und richten ihr Verhalten entsprechend ein, ohne dass wir Gesunde dafür eine Erklärung hätten.

Durch Deodorants, Parfums, Mundwasser, Sprays etc. werden für diese Kinder keine Gerüche beseitigt, sondern neue Geruchs-komponenten hinzugefügt, die sie noch mehr irritieren. Und sie nehmen Gerüche war, die wir Gesunde überhaupt nicht wahrnehmen können (Menstrations-gerüche z.B.).

Hat man den Verdacht, das Kind sei überempfindlich im Geruch, so sollten alle Gerüche auf ein Minimum reduziert werden. Das beinhaltet Essensgerüche, Sprays, aber auch die Seifen und die Waschmittel. Hat man von der Umgebung des Kindes sämtliche intensiven Gerüche entfernt, kann man beginnen, allmählich leichte und angenehme Gerüche anzubieten. Man sollte dann jedes Mal sagen, um welchen Geruch es sich handelt.

Leichter hat man es, wenn das Kind geruchsunterempfindlich ist, weil man gleich beginnen kann, dem Kind verschiedene Gerüche anzubieten. Es sollten jedoch - zumindest am Anfang - sehr intensiver Gerüche sein, die jedes Mal benannt werden sollten. Die Intensität der Gerüche kann langsam abgeschwächt werden. Wichtig ist, wie bereits beim Tastsinn angesprochen, dass viele kurze Intervalle dem Kind angeboten werden.

„Ich habe eine feine Nase und werde darum von unangenehmen Gerüchen sehr gestört ...

Heute rieche ich von ferne, wenn jemand geschwitzt hat oder wenn jemand einen üblen Mundgeruch hat.

Dietmar Zöller

Ist der Geschmackssinn des autistischen Kindes gestört, so fällt dies vor allem dann auf, wenn das Kind unterempfindlich ist. Während die Gruppe der Überempfindlichen höchstens schlechte Esser sind, weil die meisten Nahrungsmittel zu intensiv im Geschmack für sie sind (was aber auch andere Gründe haben kann), muss man auf die Unterempfindlichen ständig aufpassen. Kinder mit dieser Störung stecken nämlich alles in den Mund. Wenn man nicht aufpasst, essen und trinken sie auch schlecht schmeckende Sachen, wie z.B. Seifen, Farben, Benzin und giftige Stoffe.

Wenn Kinder oft eine dicke Zunge haben, weil sie ständig daran saugen, um den Geschmack der Zunge und des Speichels herauszufinden, dann kann dies auf das weiße Rauschen im Geschmack hinweisen. Diese Kinder sind ständig Geschmacksempfindungen in ihrem Mund ausgesetzt. Diese Manipulationen nehmen das Kind so in Anspruch, dass es für die Vorgänge seiner Umgebung keine Aufmerksamkeit mehr aufbringt.

Die Behandlung dieser Störungen ist nicht ganz einfach. Wir empfehlen, dass Eltern hier nur aktiv werden, wenn die Störung schlimme Ausmaße annimmt (wenn das Kind zum Beispiel Seife oder andere giftige Dinge ist). Da es auf diesem Gebiet wenig einfache Tipps zur Selbsthilfe gibt, sollte ein Professioneller kontaktiert werden.

Das Gehör

„Ich war kaum in der Lage, ganze Sätze zu verstehen, weil mein Gehör sie verzerrte ...

Manchmal, wenn Kinder mit mir sprachen, konnte ich sie verstehen und andere Male klangen sie wie Schüsse ...

Ich fürchtete mich vor dem Staubsauger und dem Mixgerät, weil sie ungefähr fünfmal so laut klangen, als sie wirklich waren."

Daren White, 1987

Da vermutlich die meisten Kinder mit Autismus massiv überempfindlich sind, was das Gehör betrifft, sind die nachfolgenden Zeilen für Eltern und Professionelle, die mit dem Kind zu tun haben, besonders wichtig.

Diese Kinder nehmen Geräusche wahr, die mit einem normalen Gehör nicht mehr aufgenommen werden können.

Sie hören für uns nicht existierende Geräusche wie beispielsweise die von Glühbirnen, elektrischen Leitungen, Wasserrohren und Fernsehapparaten. Da sie normale Umweltgeräusche häufig als unangenehm empfinden, halten sie sich oft die Ohren zu oder laufen weg.

Oftmals schalten diese Kinder als Reaktion auch einfach ab. Sie erwecken dann oft den Eindruck, als seien sie taub.

In vielen Fällen haben sie Angst vor Tieren, besonders Hunden, und zwar weniger weil sie fürchten gebissen zu werden, als vielmehr aus Furcht vor plötzlichen Lauten. Auch das Geräusch des Windes kann ein besonderes Problem darstellen. Manche Eltern sind verzweifelt darüber, dass ihr Kind schlecht einschläft oder nachts oft wach wird. Das kann daran liegen, dass das Kind auf jegliches Geräusch in der Ferne reagiert.

Es fällt allerdings auf, dass einige dieser Kinder selbst häufig großen Lärm machen, entweder mit der eigenen Stimme oder mit Gegenständen. Dieses sind jedoch Geräusche, die von den Kindern selbst kontrolliert werden und die sie demzufolge nicht ängstigen. Oft produzieren die Kinder selbst Geräusche, um die von außen kommenden zu übertönen.

Unter den geräuschüberempfindlichen Kindern finden wir nicht wenige mit der Diagnose "hochgradig schwerhörig". Die Qual der Kinder, die daraufhin ein Hörgerät bekamen, kann man sich kaum vorstellen. Die zuvor beschriebenen Auffälligkeiten wie Rückzugstendenzen oder extrem unruhiges Verhalten verstärkten sich in vielen Fällen.

Temple Grandin schreibt hierzu:

„Ich habe gehört, als trüge ich ein Hörgerät, das auf die höchste Lautstärke eingestellt ist. Meine Ohren sind wie ein Mikrofon, das jedes Geräusch aufnimmt. Dieser Effekt verändert sich jedoch mit den Frequenzen der verschiedenen Töne."

Im weiteren Verlauf ihres Aufsatzes beschreibt sie, dass es für sie unmöglich sei, in einer Hotelhalle ein Telefongespräch zu führen. Wenn sie versuche, die Nebengeräusche auszublenden, dann würde sie auch ihren Partner am anderen Ende der Leitung nicht mehr hören. Will sie aber das Telefongespräch verstehen, dann sind auch die Nebengeräusche ungefiltert da.

Für die Behandlung der Geräuschüberempfindlichkeit gibt es zwar bereits einige sehr wirkungsvolle Therapieverfahren, aber alle sind bedauerlicherweise noch nicht wissenschaftlich anerkannt.

In Form eines speziellen Hörtrainings werden dem Gehirn speziell modulierte akustische Reize angeboten, die das Gehör einigermaßen normalisieren. Wir haben in unserer ersten Ausgabe speziell über dieses Thema berichtet. Therapiemaßnahmen in Form eines Hörtrainings werden zwischenzeitlich vielerorts in Deutschland angeboten. Eltern aus der Region Süddeutschland. verweisen wir derzeit an Herrn Dr. Rosenkötter im Sozialpädiadrischen Zentrum Ludwigsburg (Baden-Württemberg).

Doch was sollten Eltern unbedingt tun, unabhängig davon, ob eine Therapie-maßnahme zur Verfügung steht oder nicht:

Dem Kind muss Gelegenheit gegeben werden, sich allmählich den Umweltgeräuschen anzupassen.

Es soll zunächst von Massenansammlungen in Kaufhäusern und Supermärkten fern gehalten werden. Man soll darauf achten, dass das Kind nicht durch laute Geräusche erschreckt wird. Falls es nicht möglich ist, den Schlafraum in einen ruhigen Teil des Hauses verlegen, soll man als Geräuschkulisse während der Schlafenszeit leise Musik spielen lassen. Geräusche, die das Kind sonst aufwecken würden, werden dadurch überdeckt.

Besonders bewährt haben sich auch spezielle Ohrstöpsel, weil sie die von außen kommenden Gehöreindrücke vermindern. (Schaumstoffstöpsel, kein Oropax, das zu wenig Geräusche durchlässt). Bei gleichzeitiger taktiler Überempfindlichkeit vielleicht erst mit Watte im Ohr anfangen. Kein Transport im Schulbus, wenn das Kind dadurch überfordert ist und aggressiv reagiert.

Flüstern Sie mit dem Kind, sprechen sie leise in sein Ohr, da hörüberempfindliche Kinder häufig "abschalten" und somit keine Sprache aufnehmen und damit auch nicht wiedergeben.

Geräuschüberempfindliche Kinder haben auch oft Probleme mit dem Gleichgewicht. Eine wirksame Übung ist das langsame Hin- und Herrollen des auf dem Boden liegenden Kindes oder das Hin- und Herdrehen des auf dem Drehstuhl sitzenden Kindes. Das Drehen muss durch eine andere Person erfolgen.

Zu der Überempfindlichkeit kommt häufig das weiße Rauschen. Die Kinder lauschen auf ihren Herzschlag und ihre Verdauungsgeräusche, sie hyper-ventilieren und lauschen hingebungsvoll auf das Atemgeräusch. Sie schaukeln oft mit ihrem Kopf und wenn sie das Schaukeln abbrechen, scheinen sie auf den Unterschied der Geräusche in ihrem Kopf zu lauschen. Viele dieser Kinder summen oft vor sich hin und manche haben ohne ersichtlichen Grund intensive Schreianfälle.

Das Sehen

Generell gilt, dass wir nur darüber mutmaßen können, wie Autisten wirklich wahrnehmen. Einige Zeugnisse von Betroffenen können wir noch einigermaßen nachvollziehen. Jeder hat schon einmal einen Sonnenbrand gehabt und weiß daher, wie es ist, wenn man auf der Hautoberfläche überempfindlich ist. Viele von uns kennen den Lärmterror einer Straßenbaustelle oder können sich den wenigstens vorstellen.

Was aber Betroffene über die Störungen im Sehen berichten, das sprengt zuweilen unsere Vorstellungskraft.

Da berichten Betroffene, dass sie plötzlich alles grün oder rot oder blau sehen, wenn sie gewisse Geräusche hören. Da berichten andere, dass sie kein Gesicht als Ganzes erkennen können, dass sie sich lange auf ein Objekt konzentrieren müssen, um dieses visuelle aufnehmen zu können.

Andere hingegen scheinen (wie bei der Filmfigur Rainman) tatsächlich auf einen Blick alles aufnehmen zu können, wobei sie sich überfordert fühlen, wenn ein Objekt in Bewegung ist.

Wie aber kann ich erkennen, wie mein Kind visuell wahrnimmt? Augenärztliche Untersuchungsmethoden versagen hier total, weil es nicht das Sinnesorgan ist, welche nicht richtig funktioniert, sondern die Verarbeitung im Gehirn ist gestört.

Die angeführten Beispiele haben zudem gezeigt, dass es durchaus Gegensätze geben kann (lange fixieren müssen - alles auf einen Blick erkennen können). Oder hat das Kind vielleicht gar keine oder nur wenige Probleme mit dem Sehen?

So lange das Kind sich nicht äußern kann, sind wir als Eltern wieder auf Beobachtungen angewiesen.

Wenn unserer Kind visuelle Stereotypien ausführt, dann dürfte mit Sicherheit auch mit dem Sehen nicht alles in Ordnung sein. Man sollte auf alles achten, was mit Körperbewegungen zu tun hat, wie Drehen um die eigene Achse, Schaukeln oder sprunghafte Bewegungen. Alle rhythmischen Bewegungen ohne Ton oder Geräuschproduktion, die vor den Augen ausgeführt werden, deuten auf Störungen im Sehsinn. Kinder mit visuellen Stereotypien nehmen nicht gerne Blickkontakt auf, was ja eines der klassischen Erkennungsmerkmale des Autismus ist.

Gleich zu Beginn haben wir Donna Williams zitiert, die berichtet hat, dass ihr Bett von winzigen Pünktchen umgeben gewesen sei. Dies deutet darauf hin, dass Donna überempfindlich im Sehen war, dass sie die Staubteilchen in der Luft sehen konnte.

Hypervisuelle Kinder lieben es, winzige Gegenstände zu betrachten. Sie beobachten die Bewegungen einer Uhr oder einer sich auf den Plattenteller drehenden Schallplatte. Sie haben ein ausgezeichnetes visuelles Gedächtnis. An fast alles, was sie gesehen haben, können sie sich erinnern. Häufig lernen sie sehr schnell und gut lesen. Telefon und Autonummern behalten sie gut. Oft erstaunen uns diese Kinder auch durch äußerst komplizierte Zeichnungen. Man sollte sie vor grellem Sonnenlicht schützen. Ein Aufenthalt am Meer kann für diese Kinder unter Umständen eine Qual sein, es sei denn, sie können durch andere Faktoren (das ständige Rauschen der Wellen z.B.) gut abschalten.

„Wenn ich Dich angucke, so habe ich im Moment noch Probleme, weil ich nicht genug Bilder von Dir gespeichert habe. Das ist aber eine Voraussetzung, um einen Menschen ohne Verzerrungen wahrzunehmen. Ich weiß also noch nicht richtig, wie Du aussiehst. (...)

Meine visuelle Wahrnehmung ist starken Schwankungen unterworfen und das hängt mit der Wetterfühligkeit zusammen.  Ich habe schon Zeiten erlebt, in denen keine Verzerrungen mehr vorkamen. Im Augenblick erlebe ich häufig, dass ich mein Gegenüber nur schemenhaft wahrnehme, d.h. ohne Konturen. oder der Mensch zerfällt mir in Stücke.

Bei sehr vertrauten Menschen kommt das aber seltener vor. Meine Mutter sehe ich auch an schlechten Tagen als ganze Person.“

Dietmar Zöller

Wenn ein Kind unterempfindlich im Sehen ist, wird die Sache etwas komplizierter. Ein Kind, das ständig Bewegungen mit seinen Fingern vor den Augen ausführt oder mit kleinen Gegenständen wie Bleistiften, Stöckchen usw. vor den Augen wedelt, ist meistens hyposensitiv im Sehsinn und versucht sich durch diese Stereotypien zu stimulieren. Manchmal kann man Kinder beobachten, die langsam um einen Gegenstand herumgehen und diesen dabei intensiv anstarren. Delacato betrachtet dieses Verhalten als einen Versuch, die Umrisse des Gegenstandes visuell abzutasten und ihn als räumliches Gebilde zu erfassen.

Wegen ihrer Unterempfindlichkeit konnten diese Kinder kein räumliches Sehen und keine Figur-Grund-Wahrnehmung entwickeln. Wegen des fehlenden Tiefensehens haben sie Angst Treppen hinauf- und hinunterzugehen. Sie fallen z.B. im Sportunterricht auf, da sie Angst haben, von einem kleinen Kasten herunter zu springen. Vom Wind bewegte Blätter üben eine Faszination aus. Oft blasen die Kinder mit kleinen Papierkügelchen oder mit Staub, sie lassen stundenlang Sand durch die Finger rieseln oder sie schöpfen stundenlang Wasser von einem Eimer in den anderen und sie beobachten bei all den beschriebenen Stereotypien die Bewegungen der Objekte.

Gegen die Überempfindlichkeit empfiehlt Delacato, dass sie keinem intensiven Licht ausgesetzt sind. Das Kind sollte draußen in der Sonne eine Sonnenbrille tragen.

Um die Kinder an verschiedene Lichtvariationen zu gewöhnen, sollten zunächst die Eltern die Führung einer Lichtquelle übernehmen. Man bewegt eine Taschenlampe in einem dunklen Raum und lässt das Kind mit den Augen dem Licht folgen. Um das Kind von allen visuellen Aktivitäten, die es selbst ausführt, abzubringen, sollten ihm visuelle Aktivitäten von außen angeboten werden.

Da diese Kinder schnell lesen lernen können - oft bevor sie sprechen gelernt haben - sollte man ihnen möglichst früh das Lesen beibringen.

Einem im Sehsinn unterempfindlichen Kind sollten hingegen möglichst viele Sehreize angeboten werden. Delacato geht davon aus, dass diese Kinder kein zentrales Sehen ausgebildet haben und sie so alles peripher wahrnehmen; dass die visuelle Welt verschwommen erscheint, da peripher aufgenommene Objekte unschärfere Umrisse haben.

Wenn dies der Fall ist, dann wäre es hilfreich, wenn das Kind viele Gegenstände abtastet. Wenn ein Kind nur unscharf wahr genommenen Umrisse erkennen kann, dann ist es verwirrt und es fällt ihm schwer, sich sicher zu bewegen. Man muss ihm beibringen, auf einen Gegenstand zuzugehen und diesen dabei fest anzuschauen.

EINER SIEHT ALLES DURCH-EINANDER - SIEHT AUCH ALLE HEUTIGEN GEGENSTÄNDE AUS DER FIGURMACHART GERATEN - SACHEN DEHNEN SICH UND WERDEN WIEDER ASTREIN WAHNSINNIG WINZIG.

Birger Sellin (Berlin),
bekannt durch Auftritte in stern-tv u.a

Nun gibt es aber eine Vielzahl von Kindern, die Stereotypien wie Sand rieseln lassen oder mit den Fingern vor den Augen wedeln durchführen, aber sich autodidaktisch lesen und schreiben beigebracht haben und offensichtlich ein fotografisches Gedächtnis haben.

Während die genannten Stereotypien auf eine Unterempfindlichkeit schließen lassen würden, sind das fotografische Gedächtnis als auch das Lesevermögen sehr starke Indizien für eine Überempfindlichkeit. Wie passt das zusammen?

Beim Sehen ist eine Differenzierung in Makula-Sehen und peripheres Sehen notwendig. Das Makula-Sehen ist zuständig für das Differenzieren von Schrift und Farben, während das periphere Sehen für das Bewegungssehen und das Unterscheiden von Hell und Dunkel zuständig ist.

Wenn ein Gegenstand seitlich der Augen bewegt wird, wird peripheres Sehen stimuliert. Wedeln direkt vor den Augen stimuliert Makula-Sehen. Die als letztes Beispiel genannten Kinder dürften also überempfindlich im Makula-Sehen und unterempfindlich im peripheren Sehen sein.

Schlussworte

Alle bisherigen Erklärungsansätze hinsichtlich visueller Störungen autistischer Menschen sind mit großer Wahrscheinlichkeit unzureichend bzw. unvollständig. Dabei ist zu vermuten, dass der gestörte Sehsinn eine ganz besondere, vielleicht sogar die entscheidende Rolle beim Autismus spielt.

Die Wahrnehmung / Umsetzung von bewegten farbigen Bildern beansprucht das Gehirn besonders. Schon ein PC braucht zur Verarbeitung von Bildern eine vielfach höhere Kapazität als bei der Verarbeitung von Text. Sicherlich kann dieser Metapher nicht gedankenlos auf die menschliche Wahrnehmung übertragen werden, doch ist es bezeichnend, dass gerade beim Sehsinn es bis dato noch nicht einmal ansatzweise gelungen ist, entsprechende Therapieverfahren zu entwickeln.

Hoffnung gibt eine Entdeckung der Amerikanerin Helen Irlen, dass gewisse Farben die Störung hervorrufen könnten. Abhilfe soll mit speziellen Filtern geschaffen werden, die die Betroffenen als Brille tragen können.

Lesen Sie mehr hierzu die folgenden Beiträge in dieser Ausgabe zum Thema IRLEN-Filter.

Wenn Sie noch mehr über Dr. Delacato wissen wollen, dann sollten Sie den nächsten Beitrag ebenfalls lesen. Es lohnt sich.