Der Privatsender SAT 1 strahlte im Jahr 1999 eine SPIEGEL-TV-special-Reportage mit der in Wales lebenden Australierin Donna Williams und ihrem Mann Paul aus. Dass eine Frau wie Donna Williams in der Gruppe der autistisch Behinderten sicherlich eine Ausnahmeerscheinung darstellt, kommt bereits in der Anmoderation zum Ausdruck, indem die Sprecherin sagte:

Absolut nicht therapierbar und ohne Heilungschance ist Autismus. Für Autisten bedeutet jeder Tag Stress. Alltägliche Dinge wie Busfahren und Einkaufen werden für sie zur Bedrohung. Die Australierin Donna Williams hat erst im Alter von 25 Jahren erfahren, dass ihre Angst und Unsicherheit im Ungang mit ihrer Umwelt die Folgen einer Krankheit sind. Ihre Eltern kümmerten sich nicht um das Kind, das so anders als seine Geschwister war. Von Autismus hatten sie noch nie etwas gehört. Erst durch das Schreiben hat Donna Williams schließlich gelernt, mit der Krankheit umzugehen. In Prosa und Lyrik drückt sich das aus, was sie nicht aussprechen kann. Jetzt lebt sie - so normal es eben geht - mit ihrem Mann in Wales.

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Donna Williams

Dann verstehe ich auch nur noch bla bla bla

Auszüge aus der SAT 1 SPIEGL-TV-special-Reportage
Anmerkung: Die Aussagen von Donna Williams sind nachfolgend blau abgedruck, die Kommentare und Erläuterungen eines Sprechers schwarz.

Bis vor 5 Jahren war für Donna Williams ein scheinbar unbeschwerter Spaziergang am Strand ein Alptraum. 28 Jahre dauerte es, bis sie einem Mann freiwillig die Hand reichte. Donna ist Autistin. Über Autismus erfährt man selten etwas aus dem Mund der Betroffenen selbst, sind doch das Schweigen, die Verweigerung der Sprache, die über dieser Krankheit liegen, Ausdruck einer scheinbaren Ausdruckslosigkeit, die oft als Kommunikationslosigkeit gedeutet und missverstanden wird. Donna Williams gehört zu den wenigen Autisten, die fließend sprechen und schreiben können. Dadurch kann sie Einblick in die Erlebniswelt eines Autisten gewähren.

Donna: Wir sind als Autisten in dem Klassenzimmer des Lebens aufgewachsen, aus dem man niemals raus kommt. Jeden Tag hat man etwas gemacht, was nicht gut genug war, nicht normal, nicht richtig. Man gewöhnt sich daran, ständig verbessert und getadelt zu werden, immer auf der Hut vor der nächsten Rüge, selbst wenn sie gut gemeint ist.

Dieses Fernsehteam hat es vermieden, uns mit seinen Gefühlen und Erwartungen zu überfordern, das hieß, dass wir uns außerhalb des Klassenzimmers des Lebens bewegen konnten und uns auf die Sache konzentrieren konnten. So sollte es auch sein. Sonst filmen die Leute autistische Verteidigungsmechanismen und nennen das Autismus. Es sind nur Schutzmechanismen und das ist der Unterschied.

Donna lebt mit ihrem Mann Paul zurückgezogen in Wales. Der nächste größere Ort ist zwanzig Minuten mit dem Auto entfernt und der Nachbar ist durch weitläufige Weiden und Felder von ihnen getrennt. Hier haben sie die Möglichkeit, sich ihr Leben so zu gestalten, wie sie es für richtig halten. Ein Luxus, den sie sich erst seit Donnas Erfolgen als Buchautorin leisten können. Donna und Paul haben sich eine Welt erschaffen, in der sie sich mühelos zurecht finden. In den Ort gehen sie nur, um Lebensmittel einzukaufen oder Dinge, die sie nicht selber anfertigen können. Donna näht und strickt ihre Kleidung selbst, Paul ist für Kochen, Finanzen und Technik zuständig.

Viele Leute glauben, dass Autisten mit diesem oder jenem Geräusch, mit dieser oder jener Sache Schwierigkeiten haben. Das Problem besteht aber in der Kombination von zu vielen dieser Dinge auf einmal. Also habe ich kein Problem mit der Tapete oder mit dem laufenden Fernseher. Ich habe nicht einmal ein Problem mit Jemanden, der blablabla redet. Aber wenn ich die Muster auf der Tapete sehe, dabei der Fernseher läuft und gleichzeitig ein Anderer blablabla redet und wieder ein Anderer ein Regenmantel trägt, der krrkrrkrr macht, während er durch den Raum geht und dann hat man noch Gedanken und Gefühle zur selben Zeit, dann erst hat man ein Problem mit den Dingen. Dann kann man das Licht nicht mehr ertragen oder den Klang von sprechenden Leuten. Also sind die einzelnen Sachen für sich kein Problem. Das Problem ist, dass sie alle zusammen zuviel werden. Deshalb versuchen wir, das Leben in unserem Haus sehr ruhig zu gestalten, sodass wir nicht viele Hintergrundgeräusche haben. Das Haus ist sehr ruhig, wir hören keine Musik und haben gleichzeitig den Fernseher laufen. Wir haben keine Tapeten an allen Wänden und wir haben keine aufdringlichen Muster auf dem Teppich. Die Art und Weise, wie wir unsere Sachen haben, ist sehr ordentlich und berechenbar, alles an sehr logischen Orten. Wenn man sich hier umschaut, gibt es einen sehr logischen Aufbau des Hauses, wo man alles findet. Viele Dinge sind sehr symmetrisch. Das gibt mir unmittelbar einen Sinn, einen natürlichen Sinn dafür, wo man nach Dingen suchen muss. So bekommt man einen Eindruck von der Ganzheit eines Ortes und wo man sich innerhalb dessen befindet.

Paul: Wir haben Tore am Ende der Zufahrt und sie sind meistens geschlossen. Nur die Leute, von denen wir wissen, dass sie uns verstehen und die uns nicht vereinnahmen oder Probleme bereiten, dürfen kommen.

Donna: Ja, und wir gehen auch nicht immer ans Telefon. Wir warten, bis wir die Leute sprechen hören auf dem Anrufbeantworter. Sie hinterlassen eine Nachricht und falls es jemand ist, mit dem wir sprechen müssen oder bei dem wir uns sicher fühlen, nehmen wir den Hörer auf oder rufen zurück. Falls es nicht so ist, wir aber mit demjenigen sprechen müssen, bitten wir meistens jemanden Anderer, es für uns zu tun. Sonst passiert das, was auch in normalen Gesprächen passiert: Sie reden und reden und reden und wir sagen nur ja, ja, ja! Und wir werden wieder von den jeweiligen Erwartungen vereinnahmt. Und dann sagen sie: „Aber Du hast doch ja, ja, ja! gesagt, aber ich wusste doch nicht, wozu ich JA gesagt hatte.

Donna und Paul leiden an zahlreichen Allergien. Einige Stoffe lösen chemische Reaktionen bei ihnen aus, die denen von Drogenkonsumenten gleichen. Sie halten beide strikte Diäten ein. Nur so sind sie in der Lage, den Alltag zu bewältigen.

Von Milch werde ich, da ich sie nicht verdauen kann, betrunken. Es ist wie eine Vergiftung. Es ist schwer, mit einem zurecht zu kommen, wenn du betrunken bist, auch wenn es von der Nahrung ist. Paul hat eine Allergie gegen Weizen. Wenn er das isst, verliert er jedes Gefühl für sich selbst. Er ist wie abgeschaltet und er kann nicht er selbst sein.

Ich glaube, dass die Allergien sich unterschiedlich auf uns auswirken. Dann gibt es noch etwas, das sich Phenyle nennt. Das ist in vielen Pflanzen, in Trauben, Erdbeeren, Kirschen, Wein, aber auch in Zigarettenrauch, Brokuli oder Blechdosen. Wenn ich das zu mir nehme, macht es mich sehr reaktiv, fast manisch, ich werde total hektisch. Es ist schwer, in dem Moment Gedanken zu haben wie: Oh, das ist ein Mensch und ich werde nett zu ihm sein!, während die Chemie in deinem Körper verrückt spielt und hin und her rast. Wenn man viele Allergien hat, ist es, als wäre man auf vielen Drogen gleichzeitig und es ist dann nicht möglich, Informationen richtig zu verarbeiten.

Donna und Paul haben nicht allein mit Nahrung und Lärm zu kämpfen, auch ihre Augen nehmen die Umwelt anders wahr. Dafür haben sie ebenfalls eine Lösung gefunden: Sie tragen speziell getönte Brillen, die eigentlich zur Behandlung von Dislexia eingesetzt werden. 

Paul: Unsere Sehprobleme bestehen zum Teil darin, dass die visuellen Eindrücke viel zu schnell und vielfältig sind. Unser Gehirn hat nicht die Zeit, die unwichtigen von den wichtigen Informationen zu trennen und sich auf das Wesentliche zu fokussieren. Was passiert ist, dass alle Informationen gleichwertig behandelt werden. Also die Person, die vor mir steht und redet, die Stimme und die Gesichtsmimik der Person, sind gleichwertig mit einem Vogel, der einige Felder weiter piept. Oder: Das Licht wird im Tau auf der Wiese hinter der Person reflektiert. Das verlangt die gleiche Aufmerksamkeit, wie die Person, die zu mir spricht. Unsere Brillen helfen uns dabei, eine Lichtfrequenz zu finden, die unserem Gehirn die meisten Schwierigkeiten verursacht und nimmt sie einfach weg.

Donna verweist auf das Gemälde Birkenwald von Gustav Klimmt, um zu vermitteln, wie sie ihre Umwelt mit anderen Augen wahrnimmt. Es gibt keine Tiefen, keine Dreidimensionalität, die Blätter stehen ebenso im Vordergrund wie die Baumstämme und für sie ist nicht erkennbar, wie die einzelnen Dinge zueinander stehen.

Auf einmal war da die ganze Tiefe, die ich vorher nie gesehen hatte. Vorher war die Welt wie ein Gemälde, wo die Dinge einfach nur übereinander lagen. Und dann – plötzlich – war es eine Welt mit Abstand zwischen mit und allem anderen. Ich konnte mich ihm Raum bewegen, den ich tatsächlich sah und fühlte. Ich musste mich nicht wie sonst auf Erfahrungen verlassen. Und mehr noch: Vorher würde ich eine Sache sehen, die in keinem Zusammenhang mit der nächsten stand. Dann die nächste, die wieder losgelöst war von der nächsten. Es gab keinen Zusammenhang. Ich konnte keine Verbindung zwischen zwei Dingen herstellen. Ich sah keine Verbindung zwischen Nase und Augen, ich sah keine Verbindung zwischen dem Gras und der Decke oder den einzelnen Teilen eines Körpers oder zwischen Blättern und dem Stamm. Als dann aber die richtigen Frequenzen rausgefiltert wurden und ich schneller verarbeiten konnte, war ich plötzlich in der Lage, den Zusammenhang zwischen all diesen Dingen zu sehen. Ich wusste: Dies ist neben diesem. Ich wusste: Dies ist hier, weil es auf dem Gras liegt. Ich wusste: Dies ist hier, weil das Gras nass ist. Vorher war alles nur zufällig. Ein großes viereckiges Ding mit einem Muster, dann waren hier lange farbige Dinger, die in alle Richtungen sprießten. Es erzählte mir keine Geschichte.

Nur wenige Menschen konnten mit dem Begriff Autismus etwas anfangen, bis der Film Rainman in die Kinos kam. Zum ersten Mal wurde versucht, das Leben eines Autisten und die damit verbundenen Probleme zu zeigen. Die herkömmlichen Definitionen sagen nichts aus über die Gefühlswelt dieser Menschen. Sie reduzieren die Betroffenen in trockener Sprache auf die Summe ihrer Leiden. Da heißt es: Autismus ist die Bezeichnung für psychotische, meist schizophrene Persönlichkeitsstörungen, die durch extreme Selbstbezogenheit und Insichgekehrtheit sowie durch phantastisch traumhaftes, unlogisches Denken und Sprechen gekennzeichnet sind.

Gestört, spastisch oder gefühlskalt sind nur einige der Adjektive, mit denen Autisten belegt werden. Sie beziehen sich nur auf das, was der Betrachter sieht. Was in den Menschen vorgeht, versuchen nur wenige zu ergründen. Doch seit Rainman wird zumindest akzeptiert, dass Autisten geistig oft hoch entwickelt sind, aber unfähig, Gefühle nach außen zu vermitteln oder den normalen Alltag zu bewältigen.

In ihrem Buch „Ich könnte verschwinden, wenn Du mich berührst!“ beschreibt Donna Williams ihre durch Krankheit erzwungene Isolation, das Protokoll eines Lebens im Glassarg, der beides zugleich ist: Gefängnis und Schutzwall.

Ich glaube, dass viele Leute, die mein Buch gelesen haben, den Eindruck haben, dass ich sehr schnell denke und dass ich in Zusammenhängen und bewusst denke. Aber wenn ich schreibe, dann denke ich nicht zuerst und schreibe dann. Ich bekomme einen Anstoß. Jemand stellt eine Frage oder macht eine Bemerkung. Ich sitze da und schreibe. Und dann sehe ich, was ich denke. Dann erst weiß ich, was ich denke. Es ist, als wären meine Gedanken extern. Wenn ich spreche, denke ich nicht gleichzeitig bewusst. Ich höre die Worte auch erst, wenn sie zurück kommen. Außerdem ist meine ganze Konzentration darauf gerichtet, alle physischen Mechanismen zu aktivieren, um dieses oder jenes Wort heraus zu bekommen, um es in einer Lautstärke zu sprechen, damit die Leute mich verstehen können. Da bleibt kaum Zeit mehr, meiner Gedanken und Gefühle für die andere Person bewusst zu werden. Das bedeutet, dass ich nicht nur Probleme mit ihren Fragen habe oder mit dem, was sie sagen. Es bedeutet auch, dass ich Probleme habe, heraus zu finden, was ich als Reaktion darauf denke oder fühle.

Zwei Jahre hat es gedauert, bis Donna Williams bereit war, ein längeres Fernsehinterview zu geben. Dann kam sie mit ihrem Mann Paul nach Hamburg. Doch ein normales Interview mit ihr ist nicht möglich. Sie musste die Fragen vorher kennen. Sie braucht viel Zeit, um dann für sich die richtigen Antworten heraus zu finden. Es war ihr wichtig, auch den Ablauf selbst zu bestimmen. Nur so konnte sie ausdrücken, was sie auch wirklich fühlte, nicht was andere von ihr erwarteten.

Wenn Sie mich etwas fragen, was ich nicht schon oft von anderen Journalisten gefragt worden bin, würde es einige Zeit dauern, bis ich den Sinn Ihrer Frage auch verstehe. Eben sind Sie zum Beispiel aufgestanden und haben zu ihm gesagt: „Willst Du, dass ich das Fenster schließe?“ Ich habe jeden Ton gehört und ich habe jedes Wort gehört. Und hier drin ist auch die Bedeutung jedes einzelnen Wortes gespeichert. Aber in dem Moment, wo sie es aussprechen, sind es für mich nur irgendwelche Geräusche, bis Sie dann tatsächlich das Fenster geschlossen haben, was ungefähr ... ungewährt sieben Sekunden, nachdem sie es gesagt haben, habe ich erst die Worte verarbeitet. Man muss sich vorstellen, dass man meist nicht nur einen Satz sagt wie „Möchtest Du, dass ich das Fenster schließe?“, Sie sagen normalerweise: „Möchtest Du, dass ich das Fenster schließe oder soll ich dieses oder jenes tun und dann gehen wir in den Park und und und. Wenn ich also sieben Sekunden hinter jedem Satz bin, höre ich, wenn ich beim fünften Satz ankomme, nur noch: Lololololo. Ein großes Durcheinander von sich überschlagenden Geräuschen, durch die ich noch durch muss und am Ende hänge ich möglicherweise nicht nur sieben Sekunden hinterher, sondern dreißig Sekunden oder gar eine Minute. Und wenn jemand annimmt, dass ich mithalte wie alle anderen Leute, läuft er aus der Tür und denkt, ich komme mit. Und ich stehe da und sehe zu, wie er geht. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was er macht.

Mit Überladung bezeichnet Donna den Zustand, in den sie gerät, wenn zu viele visuelle und akustische Reize auf sie einstürzen, dass sie jede Orientierung und Wahrnehmung der Umwelt verliert. In dieser Welt des Chaos ist ihre einzige Zuflucht die Ordnung. Gebäude mit Struktur und viel Symmetrie sind für sie eine paradiesische Zuflucht. Sich wiederholende Muster und gleichförmige Strukturen bieten Autisten Halt und Orientierung.

Orte wie Bibliotheken sind für sie ein Refugium. Alles ist geordnet in Reihen, kategorisiert und übersichtlich. Nichts ist unlogisch oder dem Zufall überlassen. Auf solche Zufluchtsstätten ist Donna nur dann angewiesen, wenn sie an Orten ist, wo die Gefahr einer Überladung besteht. Immer da, wo es Menschen gibt, die sie mit ihrer Unberechenbarkeit und ihren Erwartungen einem ständigen Stress aussetzen. Nur dort, wo Ordnung und Logik herrschen, haben Donna und Paul die Chance, sie selbst zu sein, ohne sich zu verlieren. Dann, wenn sie keine Verteidigungsmechanismen anwenden müssen, um den Druck von außen ertragen zu können.

Früher hielt sich Donna am liebsten auf dem Friedhof auf. Dort fand sie die Ruhe und Ordnung, die ihr im Umgang mit Menschen fehlte.

Friedhöfe waren der einzige Ort, wo man bei Menschen sein konnte, die einem nicht bombardierten. Hier bin ich mit vielen Leuten zusammen. Hier sind viele, viele Leute, und nicht einer von ihnen bombardiert mich hier. Das entspricht dem, was ich mir immer vom richtigen Leben gewünscht habe.

Doch die Leute waren nie so unaufdringlich. Sie haben nie gewartet, bis ich zu ihnen kam. Sie waren immer schon da und warteten auf mich. Mich ständig beobachten, wenn ich näher kam. Immer bereit, auf mich zu reagieren, wenn ich etwas von mir gab. Hier kann ich jede Art von Geräusch von mir geben. Ich kann die Stelle berühren, unter der diese Menschen hier liegen und nichts wird mir passieren. Sie werden nicht zurück kommen und mich bombardieren.

In ihrem Heim hat Donna die Ruhe und Möglichkeit, ungehindert zu arbeiten. Sie hatte ein Studium abgeschlossen und arbeitete als Lehrerin, als sie durch das Schreiben die für sie einzige Möglichkeit entdeckte, etwas über sich selbst zu erfahren. Mit 25 Jahren, als sie ihre Lebensgeschichte in nur vier Wochen nieder schrieb, begriff sie ihr Leben zum ersten Mal in seinen Zusammenhängen und seiner ganzen Komplexität.

Beim Schreiben bin ich allein. Ich bin in meiner kleinen Welt und die Verbindungen sind alle unverzerrt. Genauso ist es, wenn ich musiziere. Es komponiert sich von selbst. Es wird nicht davon gestört, dass man versucht, es an zu fassen, darauf zu reagieren, es zu beurteilen, es zu mögen oder nicht zu mögen. Es ist völlig unbeeinflusst. Auch beim Malen ist das so. Die Bilder entstehen von selbst und ich sehe es, wenn ich das, was aus mir rausgekommen ist, von außen wahrnehme. Es wird nicht von irgendwelchen Interaktionen mit anderen Menschen beeinflusst. Ich kann dann die Sachen anderen Menschen zeigen. Es hat für mich aber keine Bedeutung. Dass es für mich ist, ist Eigendialog. Wenn ich von allein Gefühle und Gedanken haben könnte, Zeit hätte, sie in mir zu verarbeiten, dann wäre ich nicht darauf angewiesen, es nach außen zu projizieren, um es zu verstehen.

Donna und Paul sind seit vier Jahren zusammen, aber doch jeder für sich. Leidenschaft und Wunsch nach körperlicher Nähe sind Bedürfnisse, die für beide keinen besonderen Stellenwert einnehmen. Ebenso wenig wie die Gesellschaft anderer Menschen.

Freunde sind Leute, die mich in Ruhe lassen, die nicht gleich verurteilen. Leute, die nicht glauben, dass nur, weil sie mit bestimmten Ansichten aufgewachsen sind oder es gewohnt waren, viele Dinge auf einmal zu tun, dass ich genauso bin. Freunde sind die, die nicht folgern, dass Worte wie Liebe, Mögen oder Wollen das Gleiche bedeuten wie für sie. Oder dass ich überhaupt ähnliche Erfahrungen gemacht habe. Das sind Leute, mit denen ich mich sicher fühle und denen ich vielleicht Vertrauen entgegen bringen kann. Aber einige Leute haben von vorneherein keine Chance, selbst wenn ich sie mag. Sie können die nettesten Menschen sein, aber wenn sie zu schnell reden, zu viele Dinge gleichzeitig tun oder zu lange reden und mir keine Zeit lassen, geht es nicht. Sie können die verständnisvollsten Menschen sein, die nichts voraussetzen, aber meine Sinne werden nicht mit der Masse der Informationen fertig, die von diesen Menschen kommt. Und wenn sie sich nicht auf mich einstellen können, mir keine Zeit lassen, dann kann ich es nicht mit ihnen aushalten.

Es ist mehr als nur die richtige Art Menschen, es müssen die richtigen Menschen sein, die mit mir zusammen sein können, ohne mich zu überfordern. Die sich auf mich einstellen können, damit ich ihnen folgen kann.

Besonders für die Familie ist es oft schwer, mit dieser Sehnsucht nach Distanz klar zu kommen. Die Nähe, über die sich Familie definiert, ist mit einem Autisten nicht möglich. Donna und Paul, die oft nicht einmal wissen, ob sie eine bestimmte Farbe mögen, tun sich schwer mit gefühlsbeladenen Begriffen wie Liebe und Freundschaft.

Leute nehmen an, dass wenn man jemanden länger kennt, es zu einem Kennenlernen kommt. Ich lebe aber nur in dem jeweiligen Moment. Jeder Moment ist ein neuer und ist losgelöst von allen anderen. Diese Fortführung, dieses Verschmelzen des Kennenlernens, passiert bei mir nicht. Was passiert sind Fakten, noch mehr Fakten und noch mehr Fakten. Das endet in einem großen Bündel von Fakten. Das ist aber etwas anderes als eine persönliche Beziehung. Die persönliche Beziehung entsteht durch die Kombination all des Wissens, die Stetigkeit, das Näherkommen mit der Zeit. Manchmal spielt es keine Rolle, wie lange ich jemanden kenne, einen Tag, ein Jahr oder zehn Jahre. Wenn mich jemand nach zehn oder fünf Jahren besucht, ist es das Gleiche: Ich öffne die Tür: Ja, sie sind da! Wenn es sich nicht um eine böse Person handelt, ist meine Begrüßung immer die gleiche. Sie verändert sich nicht. Ich sage nicht: Hey, ich habe dich so lange nicht gesehen! Und das ist sehr traurig für sie, weil sie sagen: Hey, ich habe dich so lange nicht gesehen! Und ich sagen nur: Oh, Du bist's wieder. Ich habe meine Brüder nach fünf Jahren wieder gesehen und sie sagten: Oh hey! Und ich sagte nur: Hallo! Ich glaube, ich fühle mich dann schuldig, weil ich weiß, dass es sie vielleicht ein wenig traurig macht. Ich glaube, das Beste ist, wenn ich ihre Überschwänglichkeit zulasse, solange ich es ihnen nicht vermiese. Ich glaube, das Bestmögliche ist, dass ich ihnen ihre Art lasse, auch wenn ich eine andere habe.

Für Donna ist das Leben ein ewiger Kampf gegen eine Welt, die Sprache mit äußerster Berechnung funktionalisiert. Wo non-verbale Gefühlsäußerungen als Zeichen einer retardierten Entwicklung zurück gewiesen werden, ohne Rücksicht auf die Verletzbarkeit, die sich dahinter verbirgt.

Manchmal habe ich Traurigkeit, aber es steht nicht in Verbindung zu meinem Ausdruck. Manchmal bricht das Gefühl plötzlich aus und manchmal löst Traurigsein ein Unwohlsein aus, so dass ich mich beruhigen will, weil ich mich aus der Kontrolle geworfen fühle.

Aber was sieht jemand anders: Sie sehen nur Jemanden, der merkwürdig ist. Sie sehen nicht, wie jemand versucht, Freundschaft mit der Traurigkeit zu schließen. Sie sehen nicht den Versuch, eigenständig zu sein und einfach mit dem Leben klar zu kommen. Manchmal, wenn ich wütend bin, zeige ich nichts. Es ist nur in mir. Und dann bricht es manchmal raus und äußert sich durch Körperausdruck. Manchmal geschieht das so schnell, dass ich es nicht kontrollieren kann.

Am Flughafen hat mich etwas aufgeregt und ich schlug mich aufs Bein. Ich weiß nicht, welche Seite es war, aber es war so schnell, dass ich es nicht stoppen konnte. Ich wollte nicht mein Bein schlagen, ich will keine Schmerzen im Bein haben oder blaue Flecken, aber es geschah zu schnell für mich, um es zu kontrollieren. Ich hatte keine Zeit zu denken: Nein, nein, ich will das nicht tun, ich möchte lieber schreien oder grölen. Ich hatte nicht die Wahl. Manchmal, wenn ich wütend bin, mache ich ein Geräusch. Das heißt aber nicht, dass ich mitten im Einkaufszentrum stehen und dieses blöde Geräusch machen will, so dass hundert Leute mich anstarren. Ich würde gerne diese automatische Reaktion bremsen und mit etwas austauschen, das mir keinen Ärger bereitet. Aber ich bekomme nicht immer die Zeit, meine Gefühle zu steuern. Wenn sich diese Tore öffnen, dann habe ich keine kleine Strömung, es ist eine ganze Flutwelle. Ich fange an, mich zu kontrollieren, aber meist passiert dies, nachdem der erste große Ausbruch schon lange passiert ist.

Geselligkeit setzt für Paul und Donna keine anderen Menschen voraus. Für sie sind Pflanzen oder Tiere dem Menschen gleichwertig. Im Gegenteil: Sie sind einfacher um sich zu haben, da sie weder Handlungen noch Konversation fordern. Donna und Paul vermissen nicht die Gesellschaft anderer Menschen. Sie brauchen Keinen, um Lücken zu füllen und werden nicht böse auf den Anderen, weil er irgendwelche Bedürfnisse nicht erfüllt. Sie genügen einander. 

Ich glaube, dass wir im Umgang mit anderen sehr reduziert sind. Wenn wir mit anderen Menschen zusammen sind, hier im Interview zum Beispiel, wird viel gesprochen, aber normalerweise sprechen wir nicht viel. Wenn jemand kommt, spielen wir vielleicht mit den Spielzeugwagen oder wir lassen einen Drachen fliegen. Manchmal gehen sie nur neben uns her. Es müssen nicht ständig Sachen sein, die man aufnehmen und verarbeiten muss.

Für die meisten Nicht-Autisten ist Geselligsein gleichbedeutend mit viel Interaktion, keine Einfache, sondern solche, die viel Interpretationsvermögen erfordert und das sehr schnell für eine lange Zeit. Und sie genießen das und sie lächeln alle und Du fühlst Dich, als wärst Du Dreck. Was stimmt nicht mit Dir, dass Du das nicht magst. Alles was Du willst ist, sie alle auszuschalten. Du möchtest Ihnen etwas über den Mund kleben, Du möchtest aus dem Zimmer rennen und alle lächeln sie. Sie sind fröhlich, freuen sich, Dich zu sehen und es ist sehr hart, psychisch und emotional, wenn man das nicht hat. Man möchte das sehr gerne in sich haben, man möchte es wollen, bla bla bla zu reden, man möchte es wollen, umarmt zu werden, man möchte es wollen, eine Person zu mögen, auch wenn man es nicht tut.